„We are like the dreamer. We are dreaming and then live inside the dream. But who is the dreamer?”
– David Lynch, Twin Peaks
Wir haben vergessen, was die Wirklichkeit ist. Wir leben in einem Zustand der Benommenheit, als gäbe es kein Morgen. Irgendwann haben wir Leute aufgehört, in Generationen vorauszudenken. Wir verharren in einem Hier und Jetzt, als wären wir erleuchtet im Bewusstsein von Kindern. Nur kommt da etwas auf uns zu, dem wir nicht als Kinder begegnen können.
Was genau kommt auf uns zu, und was ist wirklich? Wir haben uns gegen das gerichtet, was lebendig ist und uns lebendig hält. Dieser Prozess dauert schon über tausend Jahre an. Unsere Seele wurde malträtiert, und wir sind mittlerweile so weit von dem entfernt, was wir sind, dass wir die herannahende Welle für eine Halluzination halten. Nein, es geht hierbei nicht darum, Angst zu machen. Es wird nur sehr eng – und das nicht erst seit gestern oder dem Jahr 2020. In Wirklichkeit hat alles bereits vor unserer Geburt begonnen, als unsere Vorfahren losfuhren, um die Welt zu erobern und als Besitz zu deklarieren. Und noch davor wurden sie mehrere hundert Jahre Verfolgungen ausgesetzt, die sie ihre eigene Herkunft haben vergessen lassen.
Wir haben vergessen, woher wir kommen. Doch wir reisen in die Welt, um herauszufinden, wer wir sind. Wir flüchten uns in Yoga, Esoterik, Meditation und all diesen Jazz – aber kennen wir überhaupt noch unsere eigene Kultur? Dabei besitzt alles, was uns umgibt, ein Bewusstsein, und all das antwortet auf unsere eigene Wahrnehmung. Wir sind nicht isoliert; wir sind dieser Erde angehörig. Wir sind einem Ganzen angehörig, das wir im Wahn des Besitzes zerstören und doch fälschlicherweise glauben, beherrschen zu können.
Wir haben verlernt, die Wirklichkeit wie Spuren zu lesen. Wir haben verlernt, still zu sein, zu beobachten. Unsere Deutungen des Umfelds sind ungenau, weil bereits die Analysen unserer Beobachtungen fehlerhaft sind. Wann haben wir die Geschehnisse zum letzten Mal einfach nur betrachtet, ohne etwas hinzufügen oder verändern zu wollen? Wann haben wir das, was ist, einfach auf uns wirken lassen? Wir verwechseln die Deutung mit dem, was ist – und das ist äußerst gefährlich. Es manövriert uns in Situationen, die nicht nur uns selbst schaden, sondern unserem gesamten sozialen und ökologischen Netz, dem wir angehörig sind. Wir wissen nicht mehr, wie sich unsere Verantwortung, unser Einfluss anfühlt.
Durch den verlorenen Kontakt zum gesunden Menschenverstand schwindet auch die Verbindung zur Realität. Ohne ihn büßen wir den Schutz vor Täuschungen ein. Eigentlich besitzt alles im Kosmos ein Bewusstsein und schwingt mit dem unseren. Verlieren wir diesen kosmischen Schutz, greifen wir zu falscher Sicherheit: zu Gewalt, Machtanwendung oder leeren Schutzsymbolen.
Unsere Selbstbilder haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Sie entspringen dem Ego, das uns in einer künstlich erschaffenen Realität gefangen hält. Auch unser Sprachgebrauch erschafft eine Welt, die nicht mehr synchron mit der Wirklichkeit läuft. Wörter besitzen eine inhärente Kraft; sie haben eine Kraft, weil sie eine tiefe Bedeutung tragen. Wenn wir Wörter entgegen ihrer Ursprungsbedeutung wahllos verwenden, verdrehen wir nicht nur den Sinn, sondern korrumpieren auch unsere Wahrnehmung von dem, was ist. Das Resultat ist ein ziemliches Durcheinander. Diese künstlich erschaffene Welt könnten wir auch als Parallelwirklichkeit bezeichnen.
In welcher Realität leben wir? Die These lautet: Wir leben in einer Realität, die wir uns selbst erschaffen haben – auf der Basis dessen, was uns gesellschaftliche Normen in unserer Kultur vorgeben. Ist das die Wirklichkeit? Nein. Warum? Es gibt unzählige ganz verschiedene Denkansätze, um Realität zu erfassen, denn es gibt so viele Weisen, Realität wahrzunehmen, wie es Menschen gibt. Noch dazu ist diese Wahrnehmung maßgeblich von unserer Kultur und familiären Prägung beeinflusst. Demgegenüber gibt es nur eine einzige Wirklichkeit, und selbst der Traum ist ein Teil von ihr. Das Einzige, was ist, ist alles, was ist. Das Einzige, worauf wir uns einigen können, ist, dass wir die Wirklichkeit mit ihren Phänomenen alle unterschiedlich wahrnehmen. Das ist der einzige gemeinsame Nenner, auf den wir uns einigen müssen – ebenso wie auf die Einsicht, dass niemand es für einen anderen besser wissen kann.
Nehmen wir die Sprache: Sie bildet die Realität ab, ist aber nicht die Realität selbst. Genauso verhält es sich im Verhältnis von Wirklichkeit zu Realität. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte haben sich die Menschen darauf geeinigt, welches Objekt in unserer außersprachlichen Welt welchen Namen trägt. Du trägst einen Namen und ich habe einen Namen – aber sind wir diese Namen? Nein, wir sind nicht die Namen. Wir sind lebendige Wesen mit einer spirituellen Verantwortung gegenüber dem Leben und unserem Lebensraum. Irgendwann jedoch begann man, die Sprache zu verdrehen, indem man bestimmten Objekten und Sachverhalten doppelte Bedeutungen gab.
Ich bin auch nicht die Geschichte, die man mir erzählt hat, oder die Story, die sich andere über mich ausdenken. Ich bin einem Ganzen angehörig. Ich bestehe aus denselben Atomen und biochemischen Stoffen wie alles, was mich umgibt. Ich erscheine nur in einer anderen Gestalt. Mein Vater ist die Sonne, meine Mutter ist die Erde.
Was ist nun der Unterschied zwischen Wahrheit, Realität und Wirklichkeit?
Es ist eine Frage, die tiefer schneidet, als es oberflächliche Definitionen erlauben. Gelten Realität und Wirklichkeit universell für alle – verankert in Naturgesetzen und gesellschaftlichen Abmachungen –, während die Wahrheit immer ein individuelles Gewebe bleibt? Ist Wahrheit am Ende nur die nächste Verwandte der subjektiven Wahrnehmung, während die Wirklichkeit ungerührt im Hintergrund existiert? Oder ist die Realität selbst nur die Bühne, auf der wir unsere Vorstellungen und Projektionen in die Welt hineinwerfen, um damit den Traum – die Schöpfung selbst – zu verletzen?
Das Informationszeitalter, in dem wir uns bewegen, droht letztendlich genau das zu bedeuten: ein kollektives Nicht-Denken.

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