# neulich

 

 

Die Relevanz-Maschine und besser das Fahrrad nehmen bevor es zu spät ist

 

 

Ich frage mich manchmal, warum Menschen so viel Angst davor haben, unbedeutend zu sein.

Wir saßen neulich auf einer Holzbank vor einer Bar in Neukölln, M. und ich. Die Sonne ging unter und alles war ein bisschen rosa. Dann kam er. Auf einem Fahrrad. Er sah uns nicht, weil er wahrscheinlich mit seiner eigenen Relevanz beschäftigt war. Aber ich sah ihn. Das war mein Fehler. Er ist ihr Freund. Tja.

Er parkte das Rad, setzte sich und verschwand fast augenblicklich in seinem Bierglas. Und dann fing er an zu senden. Er erzählte uns von seinem Tag. Einfach so. Niemand hatte die Start-Taste gedrückt. Ich jedenfalls nicht, M. Auch nicht. Seine Worte wurden laut, seine Monologe noch lauter. Er sprach darüber, wie man die Welt rettet, wie man sich auflehnt, wie man alles anders macht. Wogegen rebelliert er eigentlich? Gegen seine Eltern? Gegen die Schwerkraft? Naja.

Weil die Anwohner sich gestört fühlen könnten, zogen wir nach drinnen um. Aber die einzige Person, die gestört wurde, war ich. Von diesem endlosen Redeschwall, der einfach nicht aufhören wollte. Drinnen wurden die Musik lauter, und seine Sätze wurden persönlicher, als wollten sie die Boxen übertönen. Er sagte, man müsse da jetzt irgendwas machen. Ich fragte ganz leise: „Was genau willst du denn da machen? Und wo überhaupt?“ Ein echter Weltverbesserer bei der Arbeit.

In diesem Moment wurde ich ganz ruhig. Ich zog mich in mein inneres Zimmer zurück, in den poetischen Raum, wo die Gesetze der Physik nicht gelten. Mein persönliches Naturgesetz lautet nämlich: Wenn jemand nur zu mir spricht, aber nicht mit mir, dann schalte ich mich ab. Wie hält M. das nur aus? Wie halten das all die Menschen aus, die mit jemandem zusammen sind, der einfach niemals zuhört? Worte können wie kleine, unsichtbare Fäuste sein – sogar gegen die eigenen Leute.

Was sammeln wir nur für Menschen um uns? Es wirkt alles so wahllos zusammengewürfelt, wie die Dinge in einer Kiste auf dem Flohmarkt, die am Ende des Tages übrig bleibt.

Für M. und alle anderen, die nachts wach liegen und ihre eigene Wichtigkeit wie eine wertvolle Zimmerpflanze gießen: Wer hat eigentlich behauptet, dass das, was wir tun, „relevant“ sein muss? Ist Relevanz eine Währung, mit der man im Supermarkt bezahlt? Wenn ich dazu noch das Wort gesellschaftskritisch höre, zieht sich mein Magen zusammen, als hätte ich Coca Cola getrunken. Und wenn ich die Menschen sehe, die dieses Wort wie ein Schutzschild vor sich herfragen, wird mir ein bisschen flau. Es sind Sprech-Menschen, meine Liebe. Sie reden und reden, um den Raum mit Geräuschen zu füllen, damit niemand merkt, dass sich eigentlich gar nichts bewegt. Am liebsten würden sie alle anderen auf Stumm schalten, damit ihr eigener Monolog besser klingt. Das ist mir zu eng. In so einem Denken kann ich nicht atmen. Vielleicht wäre es produktiver, erstmal die Socken vom Schlafzimmerboden aufzuräumen oder zwölf Monate lang nur Leitungswasser zu trinken?

Vielleicht arbeitet dein Freund ja auch heimlich im Untergrund. Ein geheimer Agent der Relevanz, der die Welt rettet, während wir schlafen, und deshalb nicht darüber sprechen darf… Wer weiß das schon? Wohl bekomm’s. Aber es soll hier gar nicht um ihn gehen. Es geht darum zu zelebrieren, das wir die sind, die wir sind, jeden Tag

# short

 

 

Reichenberger, Sonntag, Brust raus

Die Männer standen rum. Unentschlossen auf dem Gehweg, kauten an den Fingernägeln, rauchten innerlich Zigaretten und guckten in den grauen Asphalt der Reichenberger. Als gäbe es eine Entscheidung zu treffen, die größer ist als sie selbst.

Schließlich saßen wir. Freisitz im Bastard. Irgendwo klapperte Geschirr. Am Nebentisch kam kein Gespräch in Gang. War ja auch Sonntag. Und Sonntags sind Leute in Kreuzberg, SO 36, zerfeiert. Wir warteten. Auf das Frühstück. Auf irgendwas, das den Tag spaltet und den leeren Magen füllt. Auf mich kam eine Frau zu und gab mir einen kleinen Strauß rosaroter Rosen. Einfach so. Das hatte seit Jahren niemand getan. Niemand, den ich kannte. Ich konnte mich nicht erinnern, ob mir überhaupt mal jemand Blumen schenkte, außer ich mir selbst. Natürlich.

Der Vater vom Kumpel Schrägstrich Mitbewohner sah auf von seinem Frühstück auf. Er hielt sein Feuerzeug in der Hand, drehte es zwischen den Fingern. Ein silbernes Zippo, das er klicken ließ.

Was hältst du von Femen?“, fragte er. Einfach so. Schob die Frage über den Tisch wie einen vollen Aschenbecher von sich weg.

Bilder im Kopf. Straße, Blaulicht, nackte Haut im Regen. Frauen oben ohne.

Ich find’s ganz erfrischend“, sagte ich. Meine Hand lag flach auf dem Tisch. „Wenn Frauen ihre Brüste zeigen. Warum nicht.“

Der Mann quietschte auf wie eine alte Fahrradbremse. „Erfrischend????????????????????????????“ Das war irgendwie schrill.

Sein Sohn feixte. Grinste erst in seinen Kaffeetasse und zwinkerte mich an.
Der Alte schob das Kinn vor, die Augen schmal: „Sehr progressiv ist das aber nicht.“

Ich saß ganz ruhig da. Friedlich wie ein Eichhörnchen im Park. Aber im Kopf brannte das Licht.

Nich?“, sagte ich. „Grauhaarige Männer in Anzügen und Krawatte, die in geschlossenen Räumen sitzen aber auch nicht!

Er antwortete nicht. Stille. Er war satt. Vielleicht auch abgefrühstückt, und ich kam in Fahrt.

„In Südamerika“, sagte ich und sah ihn direkt an. „Gibt es ein Dorf. Jeden Sonntag treffen sich alle Dorfbewohner und die Frauen holen ihre Brüste raus. Alle. Jede. Schütteln sie lustig in die Runde. Die Sonne brennt, die Haut glänzt. Und die Männer? Alle froh und glücklich. Einfach so.“

Ich nahm einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war mittlerweile kalt.

Der Alte starrte mich an. Sein Blick ging durch mich durch, geradewegs in die kahle Wand hinter mir. Er steckte das Feuerzeug ein. Wechselte das Thema. Redete über das Wetter oder so.

Der Wind strich über den Freisitz. Die Reichenberger blieb sonntäglich still.

 

# sentenz

 


Vermutungen sind das Tagesgeschäft der Ahnungslosen 





# short

 

 

 

Der Teppich, der kein Mensch wurde

Ich musste an ihre Wohnung denken. Nicht an sie, an ihre Wohnung. Wie die Dinge dort existierten. Sie lagen nicht einfach herum, sie saßen und standen, als hätten sie sich mitten in einer Bewegung erschreckt und wären erstarrt. Es gab keine Ordnung. Man musste Slalom laufen. Es fühlte sich an wie eine Werkstatt, in der niemand mehr arbeitet. „Ungemütlich“ ist nicht das richtige Wort dafür. Es traf es nicht. Die Dinge waren einfach nicht miteinander befreundet. Sie verweigerten das Gespräch.

Im Flur stand ein aufgerollter Teppich, direkt neben der Badezimmertür. Eine vertikales, graubraunes Ding, das Schatten warf. Jedes Mal, wenn ich aufs Klo ging, dachte ich: Oh, da steht jemand. Ich sagte kurz Hallo in meinem Kopf, bevor mir einfiel, dass es nur Wolle war. Hoffentlich war es nur Wolle.

Ihr Wohnzimmer, was auch das Schlafzimmer war, ging rechts von der Wohnungstür ab. Es war ein einziges Möbel-Experiment. In der Ecke ein Hochbett, darunter ein Schreibtisch. Am Fenster noch ein Tisch. Und links an der Wand ein dritter Tisch. Wenn man an Tisch Nummer drei saß, musste man den Kopf ganz seltsam nach rechts drehen, um aus dem Fenster zu sehen. Warum braucht ein einzelner Mensch drei Tische? Hatte sie drei verschiedene Persönlichkeiten, die alle gleichzeitig Briefe schreiben wollten?

In der Wohnung waren auch wunderschöne Sachen. Ein kleiner, uralter Sekretär. Ein ausgestopftes Hermelin, das aussah, als wüsste es ein Geheimnis. Verblassende Fotos in schwarz-weiß, geheimnisvolle Masken. Aber sie hatte diese Schätze umzingelt. Mit billigen, traurigen Sperrmüll-Möbeln, die die Schönheit der guten Dinge einfach erstickten. Ich war nicht unglücklich dort, aber das Hässliche war einfach lauter. Es gewann das Match. Man kann sich jetzt über Geschmack streiten, aber das ist mir zu anstrengend.

In der Küche gab es zwei Tische und keine Stühle. Man konnte dort nicht sitzen, nur stehen und existieren. Alles stand schief, als hätte das Zimmer Schlagseite.

Da war so wenig Leben in dieser Wohnung trotz all der Dinge.

Dabei redete sie ununterbrochen davon. Wenn sie sprach, klang sie wie eine Professorin für das richtige Leben. Sie wusste exakt, wie man glücklich wird, wie man atmet, wie man liebt. Sie hatte den Masterplan. Aber sie selbst war noch gar nicht eingezogen. Weder im Leben noch in dieser Wohnung.

Ich fand das komisch. Traurig-komisch, wie jemand, der versucht, sein eigenes Spiegelbild zu füttern.

 

 

 

# ein paar worte

 

 



Worte tanzen auf der Zunge

Pflanzen Orte

Sind sprechende Instrumente

Stimmen heilen

Buchstaben in Bewegung

Sich erheben

Ohne am Mund zu kleben

Ihrem Sinn enthoben

Klingen.



Erholsam das Sitzen auf der Bank deines Daseins

Dein Wesent-liches ist Reichtum

Der Mensch in dir poetisch



Die Unterarme auf der Fensterbank

Mein Hinteres

Verundbares

Schaut ins Nächtliche des Zimmers

Getrennt der Oberkörper

Durch einen hellen Vorhang von der

Sichtbarkeit des Raumes

Blind schau ich in die gelben Fenster

Gegenüber

Die gutmütige Macht - Dein

Ergreift das Innen



Streck‘ ich den Kopf herum

Zu deinem Antlitz

Mit einem leisen Ton zur Strasse hin

Erblicke ich dein lächelndes Leuchten.



Gegenstände liegen unsagbar still

Schwer hinzukommen

Durchzukommen

Scharfe, glatte Konturen

Im Nebel

Der Wand

Und das Liegen, die Lust, das Sein



Am Dienstag des Jahres

dem kalten Winter entkommen

bin ich nicht in der Lage

der Rede am Sinn vorbei

schon stimmt der Satz nicht mehr

der Anfang führt zum Ende nicht

Sonne biegt sich in den Raum

zu einem Uns

in deinen Traum .



Der nackte Rücken hebt sich von der Wand

Im blauen Licht Laubblätter springen über Pflastersteine



Wortlos hinter Gedanken

Schau ich Ereignissen zu

Lausche Stimmen, die nicht zu mir sprechen

Fotografiere was ich sehe ohne abzulichten

Auf Fingerkissen bette ich mein Gesicht

Meine Füsse sind auf dem Holz einer Mole

Wellen türmen sich

Feuer brennt in meinem Kopf



Die Nacht hat ihre Wahrheit

Ihre persönliche Klarheit

Da sie zerfällt im Angesicht des Tageslichts

Auf einer Fensterbank im Schatten des frühen Morgens

Hat sich die vergangene Nacht versteckt

In einer Vase am Rand getrocknete Blütenblätter

Im Kern unberührt

Die Macht der Dinge kam über uns

Vier Wochen ohne Regen

Reglos

Ein Abdruck im Lacken

Verweilen in Armen

Alternde Schönheiten

Risse in der Haut tragen Namen

In Schubladen verschwinden Fotografien

Versatzstücke der Erinnerung – ein verstummtes Lied

Dieses rückt nahe

Jenes tritt zurück in die Menge.

 

 

 

 

# Sommer Haiku

 

 

 

 

 

Himmel, weit und blau,
sucht den Blick und fängt uns auf,
keiner ist allein.
 

# Fantasien sind nicht für die Wirklichkeit

 

 

 

 

Bei A weckte ich erotische Fantasien. A war 3, 4 Jahre jünger als ich, dafür doppelt so betrunken und das auch drei Mal so oft. Gut. Das ist ok. Es erfordert schon Mut nüchtern zu sein. Angesichts von allem, Krisen, Krisen, Kataklysmen. Ein gesunder Hormonhaushalt machts auch. Das kam nicht von ungefähr. Wir hatten bei einem Salonabend mal geknutscht. Ja, na ja und! Küssen machte Laune. And girls wanna have fun. Ja über die Fun-Kultur kann sich jeder ärgern wie er will. Mir gingen die Nihilisten meist männliche Kollegen, also die Alltags-Kollegen im Leben, auf den Sender. Männer in den 2000er Jahren waren auch schon wie Mädchen oder schwul und oder beides. Ich hab das von der Metropole aus beobachtet. Das fing an, ich denke es fing lange vor mir an, wie alles, und mich hatte keiner gefragt. Nein. Mich nicht. Also mir fielen Dinge in der Mode auf. Im Osten der späten 80er Jahre trugen meine Schulfreundinnen die Jeans unserer Altersgenossen aus dem Westen auf, ja auftragen, stone washed, wurde das genannt. Ich fand es furchtbar sowohl den Look als auch Sachen auftragen, also die Sachen von Fremden, deren Großzügigkeit man dann auch noch bewundern sollte, also bitte? 2013 tragen die Leutchen wieder stone washed, das ist eben der Look, der mich auf den Gedanken brachte „alles Mädchen, alle homosexual“, vor allem wegen der Jeans, die bis in die Kniekehle hängen, arschlos anders gesagt, wie sollen die denn ihren Mann stehen? He? Gut, ja, das wollen die nicht. Nur wenn hinter dem das-wollen-die-nicht ein das-können-die-nicht wegen der beklemmenden Kleidung steht, gibts größere Probleme - ich verlor nach und nach den Respekt. Das ist einfach ein saublödes Gefühl Respekt und Achtung zu verlieren. Aber zurück zu A und mir: das endete noch in derselben Nacht.

Im Westen übrigens immer noch nichts Neues, auch nach 2020 nicht