Der Teppich, der kein Mensch wurde
Ich musste an ihre Wohnung denken. Nicht an sie, an ihre Wohnung. Wie die Dinge dort existierten. Sie lagen nicht einfach herum, sie saßen und standen, als hätten sie sich mitten in einer Bewegung erschreckt und wären erstarrt. Es gab keine Ordnung. Man musste Slalom laufen. Es fühlte sich an wie eine Werkstatt, in der niemand mehr arbeitet. „Ungemütlich“ ist nicht das richtige Wort dafür. Es traf es nicht. Die Dinge waren einfach nicht miteinander befreundet. Sie verweigerten das Gespräch.
Im Flur stand ein aufgerollter Teppich, direkt neben der Badezimmertür. Eine vertikales, graubraunes Ding, das Schatten warf. Jedes Mal, wenn ich aufs Klo ging, dachte ich: Oh, da steht jemand. Ich sagte kurz Hallo in meinem Kopf, bevor mir einfiel, dass es nur Wolle war. Hoffentlich war es nur Wolle.
Ihr Wohnzimmer, was auch das Schlafzimmer war, ging rechts von der Wohnungstür ab. Es war ein einziges Möbel-Experiment. In der Ecke ein Hochbett, darunter ein Schreibtisch. Am Fenster noch ein Tisch. Und links an der Wand ein dritter Tisch. Wenn man an Tisch Nummer drei saß, musste man den Kopf ganz seltsam nach rechts drehen, um aus dem Fenster zu sehen. Warum braucht ein einzelner Mensch drei Tische? Hatte sie drei verschiedene Persönlichkeiten, die alle gleichzeitig Briefe schreiben wollten?
In der Wohnung waren auch wunderschöne Sachen. Ein kleiner, uralter Sekretär. Ein ausgestopftes Hermelin, das aussah, als wüsste es ein Geheimnis. Verblassende Fotos in schwarz-weiß, geheimnisvolle Masken. Aber sie hatte diese Schätze umzingelt. Mit billigen, traurigen Sperrmüll-Möbeln, die die Schönheit der guten Dinge einfach erstickten. Ich war nicht unglücklich dort, aber das Hässliche war einfach lauter. Es gewann das Match. Man kann sich jetzt über Geschmack streiten, aber das ist mir zu anstrengend.
In der Küche gab es zwei Tische und keine Stühle. Man konnte dort nicht sitzen, nur stehen und existieren. Alles stand schief, als hätte das Zimmer Schlagseite.
Da war so wenig Leben in dieser Wohnung trotz all der Dinge.
Dabei redete sie ununterbrochen davon. Wenn sie sprach, klang sie wie eine Professorin für das richtige Leben. Sie wusste exakt, wie man glücklich wird, wie man atmet, wie man liebt. Sie hatte den Masterplan. Aber sie selbst war noch gar nicht eingezogen. Weder im Leben noch in dieser Wohnung.
Ich fand das komisch. Traurig-komisch, wie jemand, der versucht, sein eigenes Spiegelbild zu füttern.
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