Reichenberger, Sonntag, Brust raus
Die Männer standen rum. Unentschlossen auf dem Gehweg, kauten an den Fingernägeln, rauchten innerlich Zigaretten und guckten in den grauen Asphalt der Reichenberger. Als gäbe es eine Entscheidung zu treffen, die größer ist als sie selbst.
Schließlich saßen wir. Freisitz im Bastard. Irgendwo klapperte Geschirr. Am Nebentisch kam kein Gespräch in Gang. War ja auch Sonntag. Und Sonntags sind Leute in Kreuzberg, SO 36, zerfeiert. Wir warteten. Auf das Frühstück. Auf irgendwas, das den Tag spaltet und den leeren Magen füllt. Auf mich kam eine Frau zu und gab mir einen kleinen Strauß rosaroter Rosen. Einfach so. Das hatte seit Jahren niemand getan. Niemand, den ich kannte. Ich konnte mich nicht erinnern, ob mir überhaupt mal jemand Blumen schenkte, außer ich mir selbst. Natürlich.
Der Vater vom Kumpel Schrägstrich Mitbewohner sah auf von seinem Frühstück auf. Er hielt sein Feuerzeug in der Hand, drehte es zwischen den Fingern. Ein silbernes Zippo, das er klicken ließ.
„Was hältst du von Femen?“, fragte er. Einfach so. Schob die Frage über den Tisch wie einen vollen Aschenbecher von sich weg.
Bilder im Kopf. Straße, Blaulicht, nackte Haut im Regen. Frauen oben ohne.
„Ich find’s ganz erfrischend“, sagte ich. Meine Hand lag flach auf dem Tisch. „Wenn Frauen ihre Brüste zeigen. Warum nicht.“
Der Mann quietschte auf wie eine alte Fahrradbremse. „Erfrischend????????????????????????????“ Das war irgendwie schrill.
Sein
Sohn feixte. Grinste erst in seinen Kaffeetasse und zwinkerte mich
an.
Der Alte schob das Kinn vor, die Augen schmal: „Sehr
progressiv ist das aber nicht.“
Ich saß ganz ruhig da. Friedlich wie ein Eichhörnchen im Park. Aber im Kopf brannte das Licht.
„Nich?“, sagte ich. „Grauhaarige Männer in Anzügen und Krawatte, die in geschlossenen Räumen sitzen aber auch nicht!“
Er antwortete nicht. Stille. Er war satt. Vielleicht auch abgefrühstückt, und ich kam in Fahrt.
„In Südamerika“, sagte ich und sah ihn direkt an. „Gibt es ein Dorf. Jeden Sonntag treffen sich alle Dorfbewohner und die Frauen holen ihre Brüste raus. Alle. Jede. Schütteln sie lustig in die Runde. Die Sonne brennt, die Haut glänzt. Und die Männer? Alle froh und glücklich. Einfach so.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war mittlerweile kalt.
Der Alte starrte mich an. Sein Blick ging durch mich durch, geradewegs in die kahle Wand hinter mir. Er steckte das Feuerzeug ein. Wechselte das Thema. Redete über das Wetter oder so.
Der Wind strich über den Freisitz. Die Reichenberger blieb sonntäglich still.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen