# Vom Erleben der Geschichte

 


Ich habe es erlebt. Ich habe erlebt, wie Menschen sich aus Angst verloren, und ich war zu jung, um all diese Angst erleben zu müssen – die Angst der anderen, die langsam zur eigenen wird. Es ist, als würde das Gute mit Säure getränkt, und das einzige Heilmittel wäre der eigene Weg. Ich habe erlebt, wie das menschliche Kollektiv auseinanderfällt.

Ich habe die Jahre erlebt, in denen nichts anderes zählte, als sich selbst zu haben, sich selbst zu suchen und sich in dieser Suche zu finden. Mich verband etwas mit den Menschen: eine Idee, eine Vision, ein Lebensgefühl. Genau das ist in den Jahren des Ereignisses gewichen – als wiche das Leben den Menschen aus, als wären sie selbst die Krankheit, mit der das Leben nichts mehr zu tun haben will.

Ich habe oft gedacht, dass mir all das – die Menschen, denen ich begegnet bin, und das, was ich durchlebt habe – nie passiert wäre, wenn ich nicht Zeuge historischer Ereignisse geworden wäre. Ich konnte nicht ahnen, dass sich Geschichte zu meinen Lebzeiten wiederholt und den Lauf meines Lebens so tief beeinflusst. Es ist wie auf einer Reise: Wir gewinnen neue Eindrücke und stoßen Altes ab. Bei mir ist das so.

Menschen neigen zu Verklärungen, wenn sie an Vergangenes zurückdenken – wie bei Liebesbeziehungen oder Reisen. Wenn wir lang genug Zeit mit jemandem oder etwas verbracht haben, sind wir befangen. Wir sehen nicht mehr klar, wir fühlen unbestimmt. Und so ist es mit dem Land, aus dem ich komme. Die einen verklären es, die anderen wollen es vergessen haben, wieder andere erinnern sich an das, was war – oder wie sie es gern gehabt hätten, weil wahr gewesen sein könnte, was nicht mehr ist und nie mehr sein wird. Denn Erinnerungen machen Menschen aus. Wenn Menschen keine Erinnerungen mehr haben, sind sie innerlich wie gestorben. Für einige war das Land, aus dem ich komme, traumatisierend, andere glorifizieren es. Es ist, was es ist. Die Weltgeschichte hat es hinter sich gelassen; sie erzählt von wirtschaftlichen Entwicklungen, nicht von den Tragödien hinter einer Mauer, nicht von den Geschichten freiheitsliebender Menschen.

Die Menschen haben vergessen, was es bedeutete, in dem Land, aus dem ich komme, nicht sagen zu dürfen, was man denkt. Nicht sein zu dürfen, wer man ist. Einander nicht begegnen zu dürfen, wem man will. Nicht studieren zu dürfen, was man kann, weil alles der politischen Gesinnung bedarf. Niemand sollte werden, wer er sein könnte. Wir haben schon wieder vergessen. Wir vergessen zu denken.

Aber auch das war das Land, in dem ich aufgewachsen bin: Es gab kein Suchen nach freien Parkplätzen, nicht jeder besaß ein Auto. Es gab keine Werbung, die Wirtschaft war geplant und der Konsum ein Märchen. Wir waren Teil eines Kollektivs, das war die Ideologie. Wir sind Borg. Wir werden Sie assimilieren. Widerstand ist zwecklos. Science-Fiction trifft Realität.

Die Häuserfassaden waren grau, ohne Werbeplakate. Nachts leuchteten nur ein paar Straßenlaternen. Iggy Pop sagte einmal in einem Interview, Ost-Berlin in den 80er-Jahren habe auf ihn gewirkt wie ein Agentenfilm: Alles war schwarz-weiß, und jeder hatte irgendetwas Geheimnisvolles unter dem Mantel.

Es gab ein Lied, das gesungen wurde – leise, wenn die Lehrer oder andere Autoritätspersonen nicht dabei waren: „Weißt du, wo ich wohne? Ich wohne in der Zone …“ Oder auf dem Schulhof während des Appells: „Seid bereit! – Immer breit.“ Einige haben das, leider oder wie auch immer, äußerst ernst gemeint. Sowohl das eine als auch das andere.

Wir trugen keine Jeans. Wir schalteten den Radiosender um, wenn jemand Unbekanntes den Raum betrat. Wir erzählten nicht, welche West-Fernsehsender wir am Abend zuvor heimlich geschaut hatten. Westfernsehen. Alleins schon das Wort Wir versteckten, was uns wichtig war, vor dem Zugriff der Lehrer: Es waren unsere Gedanken, unsere Träume, eine Melodie. Wir kannten weder Werbung noch vollgekleisterte Häuserwände.

Das Land, in dem ich geboren wurde, existiert nicht mehr. Und die Leute aus diesem Land leben heute ein anderes Leben.


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