Männliche Dominanz?
Weimar im ACC, 2. November: „Du? Der Kellner hat dir gerade hinterhergeschaut, obwohl er mit (s)einer Freundin am Tisch saß. Ist das jetzt männliche Dominanz?“, fragte er mich.
„Männliche Dominanz?“, überlegte ich. Was hat es mit männlicher Dominanz zu tun, wenn ein Mann einer Frau hinterherblickt? Was genau war noch mal männliche Dominanz? Ich roch einen Riesendiskurs wie einen Sauerbraten. In Weimar war bereits die Dämmerung eingebrochen und ich musste meine erste Nachtfahrt auf der Landstraße und Autobahn bewältigen – das hatte mein Fahrlehrer aus Gründen und wegen der Pandemie/Seuche übersprungen. Meine Konzentration war also vollkommen okkupiert mit Gegenwart. Aber das wusste mein Beifahrer nicht. Ist das jetzt weibliche Dominanz in Form von Wissensenthaltung? Gut, wir waren bei der männlichen Dominanz.
Mir gingen Jordan Peterson, Biologie – Wolfsrudel, Adlerpaare – und die Römer durch den Kopf. Ich konnte gar nicht so schnell sprechen, wie ich dachte – das alte Lied –, und mir war klar: Der Weg zum Auto ist zu kurz, um ... Egal. Beim Dominieren geht es um Herrschen. Ja. Dominieren ist Teil eines Herrschaftsprinzips, bei dem einer oder wenige herrschen und ein anderer oder andere beherrscht werden.
Er, der Beifahrer, warf eine Beobachtung aus seinem Leben ein: „Frauen wollen dominiert werden.“ Ich dachte: Nur gut, dass uns keiner zuhört – wir sammelten ja gerade erst Ideen. Ich sah gedanklich schon Frauen zwischen Ende 20 und Ende 30 mit bunten Zöpfen, Nagellack, Minirock und allerlei anderem Dekor auf die Barrikaden gehen. Frauen wollen dominiert werden? Ja? Und Frauen wollen geführt werden? Aha. Und Frauen wollen beschützt werden? Ja.
In meiner Welt handelt es sich hier um drei völlig verschiedene Themen:
- Dominieren/dominiert werden: Herrschen und beherrschen, teile und herrsche – stößt bei mir auf innere Ablehnung.
- Führen/geführt werden: Tango tanzen kann man nur zu zweit. Die Deutschen haben da so ein Kultur-Mem, das ihnen vermittelt: Führen ist böse.
- Schützen/beschützt werden: Will sich nicht jeder sicher, behütet und geborgen fühlen?
In meiner Welt macht es keinen Sinn, alles miteinander zu vermischen. Wenn wir nicht einmal grundsätzlich definiert haben, was das alles meint und worüber wir eigentlich sprechen wollen, dann kommen wir schwer zu Ergebnissen – wenn das überhaupt das Ziel ist?
Am Rande und scharfzüngig behaupte ich: Manche Frauen wollen vielleicht, dass jemand ihren Wahnsinn im Zaum hält, damit er nicht auf andere überspringt – so etwas wie weibliche Intuition. Ich weiß, ich mache mir damit Feinde. Wer Frauen begegnet, die Anzeichen emotionaler Instabilität zeigen, sollte sich fragen, ob er oder sie dieses Jobangebot annehmen mag; ich würde ja ablehnen. Aber manch einer braucht vielleicht nur genügend Anreize, einen ausgeprägten Beschützerinstinkt oder das leidenschaftliche Helfersyndrom. Vorsicht, meine Brüder! Ohne Ausbildung, sprich Vorkenntnisse, sind solche Beziehungstätigkeiten in Kombination mit libidinösen Affekten und Impulsen schwer zu handhaben, geschweige denn zu kontrollieren. Das Bedürfnis nach Kontrolle taucht irgendwann an die Oberfläche – und vielleicht ist es auch die eigentliche Grundlage von derlei Beziehungen: Macht und Kontrolle. Also ich sage es noch einmal: Vorsicht!
Möglicherweise geht es bei diesen Themenkreisen – Dominanz, Führung, Schutz – einfach darum, was Männlichkeit und was Weiblichkeit im Weltenwandel und Zeitgeist bedeuten; also was sie sein sollen, im Kontrast dazu, was sie sind. Auf YouTube präsentieren sich uns jedenfalls Frauen als auch Männer in Schmink-Tutorials und vielem mehr – genug, um beim Zuschauen durcheinanderzukommen. Auch scheint es für diverse Leute von heute schwierig zu sein, bei all den Geschlechter-Identifikationsangeboten vom Schmetterling über Baby bis hin zu Nichts/Nobody durchzublicken – wir wollen hier gar nicht erst vom Fühlen reden, wer sie sind. Und ich weiß, dass wir ein Leben lang Zeit haben, uns in diesem Thema selbst kennenzulernen. Jeder kann dieses Thema natürlich in Kelche gießen – metaphorisch gesprochen – und den Kelch weitergeben. Klar, aber was wollen solche Leute dann überhaupt? Anderes Thema, ich weiß. Zu wissen, wer ich bin, zu erkennen, wer ich bin – es herauszufinden –, ist ein lebenslanger Prozess, und das muss ein jeder oder eine jede schon selbst wollen.
Die These war also: „Frauen wollen dominiert werden?“, behauptete er und sagte, dass dies die Frauen in seiner Lebensrealität so geäußert hätten. Es gibt nun verschiedene Antworten bzw. weiterführende Fragen:
- Entweder trifft er ausschließlich Frauen, die dominiert, also beherrscht werden wollen. Das fände ich interessant: Wie kommen diese Frauen darauf? Was meinen sie damit? Wo kommen sie her? Wieso trifft er nur diese Frauen?
- Sicher gibt es Frauen, die dominiert werden wollen – in Einzelfällen. Es gibt ja schließlich nichts, was es nicht gibt.
- Will tatsächlich überhaupt jemand beherrscht werden – und insbesondere Frauen als Kollektiv?
Während ich mich das fragte, suchte ich nach Beispielen männlicher Dominanz. Zunächst und grundsätzlich ist es ja so, dass wir Menschen im 21. Jahrhundert in der Tat in einer Gesellschaftsordnung zusammenleben (zusammen?), die auf einem Herrschaftsprinzip basiert. Der Korrektheit halber muss gesagt werden, dass es sich um ein Konglomerat aus Herrschaftsprinzipien handelt. Sind Herrschaftsprinzipien geschlechterabhängig im biologischen Sinne? (Ich will hier keinen linguistischen Diskurs aufmachen.) Ist ein Atomkraftwerk, das von einer Frau betrieben wird, besser als das eines männlichen Kollegen?
Und wenn es männliche Dominanz gibt, dann muss es doch auch weibliche Dominanz geben. Nicht der Gerechtigkeit wegen, sondern der Logik folgend. Und wer bei weiblicher Dominanz sofort auf Fantasien kommt, darf jetzt für sich und ganz allein die Gedanken-Allee hinunter in jene diversen Etablissements oder Zimmer gehen, wo etwaige Praktiken zum besseren Verständnis von Dominanz am eigenen Leib erfahrbar gemacht und ausgeübt werden.
Ich will hier gar nicht darauf hinaus, dass Männer Frauen dominieren. Die Wirklichkeit beweist durch genügend lebende Beispiele, dass auch Frauen dominieren – auch Männer, auch ihre eigenen Männer. Wie erwähnt: Herrschaftsprinzipien haben kein Geschlecht. Ich denke, es ist einfacher, sich einzelne Fallbeispiele anzuschauen – also eher Situationen oder Menschen, in denen jemand andere dominiert oder beherrscht. Oder wie wäre es mit einem Beispiel aus der Kunst? Rainer Werner Fassbinder hat in seinem Film Martha von 1974 das Kunststück vollbracht, die Dynamik einer solchen Dominanz-Beziehung zwischen Mann und Frau cinematografisch offenzulegen.
Ein anderes Beispiel von Dominanz – diesmal aus dem echten Leben – betrifft die weibliche Dominanz: Es kommt, je nach Kulturkreis, häufiger oder seltener vor, dass Männer die Wahl ihrer Gefährtin in Abstimmung mit dem Willen ihrer Mutter treffen – willentlich oder unbewusst. In einigen Fällen spielen diese Mütter ihre eigene Ohnmacht dem Ehemann gegenüber als Macht gegenüber dem Sohn aus.
Selbstverständlich gibt es Männer, die bewusst oder unbewusst davon ausgehen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts herrschen können oder dürfen. Und ja, es kann behauptet werden, dass wir in einer monotheistisch-phallokratischen Kultur leben. Also in einer Kultur, in der Menschen glauben gemacht werden, sie könnten mittels ihres Geschlechts das Leben, die Natur und den Kosmos beherrschen. Wir leben derzeit in einer Zeitlinie, in der Frauen genau in dieser Hinsicht medial gefördert werden. In diesem Zusammenhang sehe ich auch den Begriff der „toxischen Männlichkeit“. Es gibt Frauen, von denen Männlichkeit als toxisch wahrgenommen wird – und sicher haben einige guten Grund dazu, da sie in ihrem Leben oder in ihrer Kultur traumatische Erlebnisse mit Männern hatten. Dennoch ist es gefährlich, dies zu einer politischen Agenda auswachsen zu lassen. Das führt dann eben genau dahin, dass die Leute am Ende nicht mehr wissen, ob sie Mann oder Frau sind.
Dominanz, ob von Männern oder Frauen ausgeübt, hat immer mit Machtausübung und Kontrolle zu tun. Dominanz ist ein Herrschaftsprinzip, das grundsätzlich abzulehnen und zu verneinen ist. Denn fruchtbare Verbindungen suchen den Dialog auf Augenhöhe und schöpfen aus Wert-für-Wert-Beziehungen.
Male Dominance?
Weimar at the ACC, November 2nd: "You? The waiter just checked you out, even though he was sitting at the table with his girlfriend. Is that male dominance now?", he asked me.
"Male dominance?", I reflected. What does it have to do with male dominance when a man looks after a woman? What exactly was male dominance again? I smelled a massive discourse brewing like a Sunday roast. In Weimar, dusk had already fallen, and I had to manage my first night drive on the country road and highway—something my driving instructor had skipped for reasons and because of the pandemic/plague. My concentration was therefore completely occupied with the present moment. But my passenger didn't know that. Is that female dominance now, in the form of withholding knowledge? Anyway, we were on the topic of male dominance.
Jordan Peterson, biology—wolf packs, eagle pairs—and the Romans flashed through my mind. I couldn’t speak as fast as I was thinking—the same old story—and it was clear to me: the walk to the car is too short to... Whatever. Dominating is about ruling. Yes. Dominating is part of a principle of rule, where one or a few rule and another or others are ruled.
He, the passenger, threw in an observation from his own life: "Women want to be dominated." I thought: thank goodness nobody is listening to us—we were just gathering ideas, after all. In my mind's eye, I already saw women in their late 20s to late 30s with colorful braids, nail polish, miniskirts, and all kinds of other decor taking to the barricades. Women want to be dominated? Yes? And women want to be led? Aha. And women want to be protected? Yes.
In my world, we are dealing with three entirely different topics here:
- Dominating/being dominated: Ruling and being ruled, divide and conquer—this triggers an inner rejection in me.
- Leading/being led: It takes two to tango. Germans have this cultural meme that conveys to them: leading is evil.
- Protecting/being protected: Doesn't everyone want to feel safe, sheltered, and secure?
In my world, it makes no sense to mix everything together. If we haven't even fundamentally defined what all of this means and what we actually want to talk about, then it’s hard to reach any conclusions—if that is even the goal?
In a marginal and sharp-tongued remark, I claim: maybe some women want someone to keep their madness in check so it doesn’t spread to others—something like female intuition. I know I'm making enemies with this. Anyone who encounters women showing signs of emotional instability should ask themselves if they really want to accept that job offer; personally, I would decline. But perhaps some just need enough incentives, a strong protective instinct, or a passionate savior complex. Careful, my brothers! Without training—meaning prior knowledge—such relationship endeavors combined with libidinal affects and impulses are difficult to handle, let alone control. The need for control eventually surfaces—and perhaps it is the actual foundation of such relationships: power and control. So I say it once more: be careful!
Possibly, these thematic circles—dominance, leadership, protection—are simply about what masculinity and femininity mean in the changing world and the zeitgeist; meaning what they should be, in contrast to what they are. On YouTube, at any rate, both women and men present themselves to us in makeup tutorials and much more—enough to make you get confused just by watching. It also seems difficult for various people today to see through all the gender identification options, ranging from butterfly to baby to nothing/nobody—and we don't even want to start talking about feeling who they are. And I know that in this topic of getting to know ourselves, we have a whole lifetime. Anyone can, of course, pour this topic into chalices—metaphorically speaking—and pass the chalice on. Sure, but what do such people even want then? Another topic, I know. Knowing who I am, recognizing who I am—finding it out—is a lifelong process, and an individual must truly want that for themselves.
So the thesis was: "Women want to be dominated?", he claimed, stating that this was what the women in his reality of life had said. Now, there are various answers or follow-up questions:
- Either he exclusively meets women who want to be dominated, meaning ruled. I would find that interesting: How do these women come up with that? What do they mean by it? Where do these women come from? Why does he only meet these kinds of women?
- Surely there are women who want to be dominated—in isolated cases. After all, there is nothing that doesn't exist.
- Does anyone actually want to be ruled at all—and specifically women as a collective?
While I was wondering about this, I looked for examples of male dominance. First and fundamentally, the reality is that we humans in the 21st century do indeed live together (together?) in a social order based on a principle of rule. For the sake of correctness, it must be said that it is a conglomerate of principles of rule. Are principles of rule gender-dependent in a biological sense? (I don't want to open a linguistic discourse here.) Is a nuclear power plant operated by a woman any better than one run by a male colleague?
And if male dominance exists, then there must be female dominance as well. Not for the sake of justice, but following logic. And anyone whose mind immediately jumps to fantasies when hearing "female dominance" may now, all by themselves, walk down the avenue of thought into those various establishments or rooms where certain practices for a better understanding of dominance can be experienced and exercised on one's own body.
I am not trying to argue here that men dominate women. Reality proves through plenty of living examples that women dominate too—including men, including their own husbands. As mentioned, principles of rule have no gender. I think it is simpler to look at individual case studies—meaning situations or people where one person dominates or rules another. Or how about an example from art? Rainer Werner Fassbinder, in his 1974 film Martha, accomplished the feat of cinematographically exposing the dynamics of such a dominant relationship between a man and a woman.
Another example of dominance—this time from real life—concerns female dominance: depending on the cultural circle, it is quite common for men to choose their partner in alignment with the will of their mother—whether intentionally or unconsciously. In some cases, these mothers play out their own powerlessness toward their husband as power over their son.
Of course, there are men who assume, consciously or unconsciously, that they can or may rule by virtue of their gender. And yes, it can be argued that we live in a monotheistic-phallocratic culture. That is, a culture where people are made to believe they can dominate life, nature, and the cosmos through their gender. We are currently living in a timeline where women are being medially promoted in exactly this regard. In this context, I also see the term "toxic masculinity." There are women by whom masculinity is perceived as toxic—and surely some have good reason, having had traumatic experiences with men in their lives or culture. Yet, it is dangerous to let this grow into a political agenda. That is exactly what leads to people eventually no longer knowing whether they are a man or a woman.
Dominance, whether exercised by men or women, always has to do with the exercise of power and control. Dominance is a principle of rule that must be fundamentally rejected and denied. Because fruitful connections seek a dialogue at eye level and draw from value-for-value relationships.

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