# aus gegebenen Anlass - ein paar Fragen mit Gedanken


Vom Matriarchat zum Feminismus – eine Re-Definition

Beginnen wir bei der Bedeutung der Wörter - Mater arche: Am Anfang die Mütter

Woher kommen die Begriffe, die wir so freimütig verwenden? Was bedeuten sie tatsächlich – und in welchem historischen Rahmen sind sie entstanden?

„If you don’t know what happened before you, you haven’t a clue what is going on around you.“

Wenn wir größere historische Zeiträume betrachten, können wir die Phänomene unserer Gegenwart besser verstehen und einordnen. Das gilt besonders für Begriffe wie Matriarchat, Patriarchat und Feminismus.

Das Matriarchat – Herrschaft der Frauen?

Das sagenumwobene Matriarchat wird häufig als das Gegenstück zum Patriarchat verstanden: als Herrschaft der Frauen über die Männer.

Doch genau diese Vorstellung ist eine Rückprojektion aus der Moderne. Sie überträgt die Logik des Patriarchats auf eine andere Gesellschaftsform und kehrt lediglich die Vorzeichen um.

Matriarchale Gesellschaftsformen sind historisch alt und haben über lange Zeiträume existiert. Auch heute gibt es noch lebende matriarchale Gesellschaften.

Dabei handelt es sich nicht einfach um einen „Mutterkult“, sondern um komplexe soziale, ökonomische, politische und kulturelle Strukturen.

Strukturell lassen sich vier Dimensionen unterscheiden:

  • Ökonomisch: Das Matriarchat ist eine Ausgleichsgesellschaft. Frauen verfügen über die Verteilungsmacht über lebensnotwendige Güter wie Land, Häuser und Nahrungsmittel.
  • Sozial: Die Gesellschaft ist matrilinear organisiert und beruht zugleich auf der Gender-Egalität, also der Gleichwertigkeit der Geschlechter.
  • Politisch: Sie ist als Konsensgesellschaft organisiert, mit den Clanhäusern als realpolitischer Basis und einem Delegiertenwesen.
  • Kulturell: Sie beruht auf einer sakralen Kultur mit komplexen religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen.

Matrilinearität, Gender-Egalität und ökonomische Verteilungsmacht bilden damit zentrale Elemente dieser Gesellschaftsform.

Besonders interessant ist dabei der Gedanke, dass ökonomische Verteilungsmacht nicht zwangsläufig zur Akkumulation von Reichtum führen muss. Sie kann auch dem Ausgleich dienen – mit dem Ziel eines allgemeinen Wohlstands statt einer Gesellschaft von Reichen und Armen.

Feminismus – Rückbesinnung und soziale Bewegung

Auch beim Feminismus lohnt sich die historische Rückbesinnung.

Simone de Beauvoir beschreibt in Le Deuxième Sexe (Das andere Geschlecht) die gesellschaftliche Situation der Frau und ihre sozialen Implikationen. Der Feminismus entwickelte sich als soziale und politische Bewegung aus der Kritik an konkreten Ungleichheiten: an rechtlicher und ökonomischer Abhängigkeit, fehlender gesellschaftlicher Teilhabe, der mangelnden Anerkennung von Haus- und Sorgearbeit und an Gewalt gegen Frauen.

Doch feministische Theorie hat sich weiterentwickelt.

Mit dem Gender-Feminismus, der seit den 1980er Jahren zunehmend auch an europäischen Universitäten an Bedeutung gewann, wurde Geschlecht selbst zum Gegenstand der Analyse. Geschlecht wird dabei nicht mehr ausschließlich als biologische Gegebenheit verstanden, sondern auch als soziale Konstruktion.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage:

Geht es bei Geschlechtergerechtigkeit darum, Unterschiede zwischen Frauen und Männern aufzuheben – oder darum, Gleichwertigkeit trotz möglicher Unterschiede zu ermöglichen?

Diese Frage ist heute aktueller denn je.

Denn wenn die ursprüngliche Kritik des Feminismus an gesellschaftlichen Macht- und Unterdrückungsstrukturen zunehmend zu einer Auseinandersetzung um Identitäten, Sprache und einzelne Personen wird, besteht die Gefahr, dass sich das ursprüngliche Ziel verschiebt.

Vielleicht brauchen wir deshalb wieder mehr historische Differenzierung.

Nicht, um gesellschaftliche Entwicklungen zurückzudrehen, sondern um die Begriffe, mit denen wir unsere Gegenwart beschreiben, genauer zu verstehen.

Was können wir aus dem Matriarchat über Macht, Verteilung und Gleichwertigkeit lernen – und was können wir aus der Geschichte des Feminismus für die heutigen Debatten mitnehmen?

Vielleicht beginnt gesellschaftliche Verständigung genau dort: bei der Frage, was unsere Begriffe ursprünglich bedeuteten – und was bis heute aus ihnen gemacht wurde.


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