Auenstraße 71
Das Ganze war eine Weile her. Drei, vier Jahre waren vergangen, seit ich die Stadt verlassen hatte. Damals begann alles, an jenem Montag, als ich alle Städte hinter mir ließ. Und eigentlich kehrte ich ab diesem Tag nirgendwohin zurück. Ich gehörte niemandem mehr. In der Bewegung war ich ich.
Ich kam mitten in der Nacht in Deutschland an. Am 1. März war ich, entgegen aller Vorzeichen, erneut in einer Stadt. Nach einer langen Fahrt, die eigentlich kurz war, war ich auf dem Boden fremder Tatsachen etwa 158 Meter über dem Meeresspiegel angelangt. Auf der Fahrt durch den Süden Frankreichs hatte ich Dinge gesehen, die alles kaputt zu machen drohten: Industrieanlagen groß Städte, monumentale Talsperren, qualmende Riesenschornsteine, die die Himmel verdunkelten. Ich bezog eine Wohnung in der Auenstraße 71, meine Zelle. Das Haus stand in der Nähe des Flusses. Das Wehr rauschte da wild, was ich von den Zimmern aus selten zu hören bekam. Die gedämpften Stimmen hinter den Wänden und der Straßenverkehr dominierten alles, was ich je an Natur in mir hatte. Das änderte sich an einem 15. März. Das Schweigen in den Straßen der Stadt und in der Welt brach sich Raum. Erst in dieser Nacht, als die Welt auf einmal stillstand, war das Rauschen des Flusses wieder ganz nah. Ich war eine einzige bebende Erinnerung. Ich ging durch menschenleere Straßen und Gassen. Die Cafés waren geschlossen. Die Atmosphäre färbte sich grau wie wassergetränktes Aquarellpapier, das die Farbe blind in sich aufsaugt. Ich ging die Domstufen hinauf. Von da aus sahen die schiefen Fachwerkhäuser wie eine Theaterkulisse aus. Mein Weg führte mich weiter über den Fischmarkt, durch die Paulstraße zur Predigerkirche. Der Organist spielte dort in seiner Einsamkeit düstere Molltöne, die durch die schweren Gemäuer und das geöffnete Portal nach draußen drangen.
Monate später, an einem Sommernachmittag habe ich die schmale Seidenschärpe von dem Garderobenständer abgebunden. Wundersame chinesische Blüten hoben sich von dem beigegoldenen Stoffgrund ab. Der Stoff schmiegte sich um meine Hand wie eine zweite Haut. Ich hatte die Seidenschärpe gerade in einem Second Hand Laden in Arnstadt gekauft, als er mich aus der Schweiz anrief. Da war seine Stimme am Telefon, die mir kurze Zeit Heimat war. Ich habe die Seidenschärpe zweimal getragen. Als wir zusammen ins Bistro Essen gingen. Und als ein unsichtbares Band etwas zwischen uns wob, während alle anderen in Aufruhr waren. Später in derselben Nacht hatte er sie an den Garderobenständer gebunden wie eine Krawatte.
Ich wusste noch nicht, was ich mit der Seidenschärpe machen würde. Ich stand ganz still im Zimmer und hielt eine Erinnerung in meinen Händen. Mir fiel dabei ein, dass es so viele Dinge gibt, denen wir gehören und sie nicht uns. Ich schaute aus dem Fenster und stellte mir vor, ich höre den Fluss Ariège in den Bergen.
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Mo Haver ist Autorin und Beraterin. Seit 2011 Veröffentlichungen in Verlagen, Anthologien, Literaturzeitschriften und auf Onlineplattformen. Zurzeit schreibt sie in Erfurt Kurzprosa und Essays. Mo Haver erzählt von Begegnungen am Rande des Alltags. In Haver‘s Texten spielen die Sehnsucht nach Freiheit und Entfremdung ebenso eine Rolle wie Sprache als wirklichkeitsbildendes Strukturelement. Schreiben ist ihre Heimat, und das Ozeanische