Kosmos und Sein
Für all unsere Verwandten
Was ist der Kosmos? Was verstehen wir darunter? Erleben wir Kosmos, oder ist es eine reine Vorstellung in unserem platonisch-kartesianischen Denken?
Sagen wir, es gibt im Wesentlichen zwei Konzepte, die analog zum Zen-Buddhismus vielmehr Lebensweisen und Denkgewohnheiten sind und in alle unsere Lebensbereiche eingreifen.
Zum einen ist da die Vorstellung eines Kosmos als Weltall, als Universum, ein unendlicher Raum mit Planeten und schwarzen Löchern. Das ist es, was wir uns – oder die meisten von uns – darunter vorstellen, wenn wir Kosmos hören, oder? Wir assoziieren den Kosmos mit unserem Sonnensystem, Mond und Sternen. Im Grunde also mit all dem, was weit weg von uns ist. Ungreifbar und unbegreiflich.
Wir sind geprägt von der Vorstellung des Kosmos als Gesamtheit von Raum, Zeit, Materie und Energie und vergessen dabei, dass gleichzeitig mit dem Denken in derlei Vorstellungen eine unüberwindliche Distanz zwischen uns, dem Raum, der Zeit, der Materie, den Dingen und den Energien entsteht.
Was, wenn wir unsere Vorstellung von Kosmos auf den Kopf stellen und die unendlichen Weiten heranholen? Bringen wir uns den Kosmos näher. Legen wir die Glaubenssätze um uns herum, von denen wir beeinflusst sind, kurz zur Seite.
Wie wäre es, wenn wir den Kosmos als unsere Heimat betrachten? Was, wenn wir annehmen, dass wir ohne den Kosmos nicht existieren? Nehmen wir an, wir können im Kosmos nicht als Individuen existieren.
Der Kosmos ist nicht das Weltall, in das wir ein Fernglas richten und Phänomene, die weit weg von uns sind, betrachten und uns nur optisch nahebringen. Betrachten wir den Kosmos als einen Ort, in dem wir leben – wir – und gehen wir mal weiter als die menschenzentrierte Perspektive.
Wie wär's mit einem Gedankenexperiment?
Denken wir Kosmos einmal in einem ursprünglichen Sinne und in folgender Ordnung. Und das ist die andere Vorstellung von Kosmos:
Da ist
1) eine Große Gemeinschaft oder der Kosmos, wahrzunehmen als Gebiet, wie eine größere Landschaft, ein Land oder Territorium,
2) eine Region, vorzustellen als ein Landstrich, ein Dorf oder ein Grundstück, also die direkte Umgebung, die sich innerhalb des Kosmos – der Großen Gemeinschaft – befindet,
3) das Volk / die Völker, dabei sind die Völker der Tiere, die Völker der Pflanzen, die Völker der Steine und Mineralien mit inbegriffen; sie leben innerhalb der Umgebung,
4) die Sippe / die Gruppe, sie ist Teil der Völker,
5) die Familie, sie ist Teil der Sippe oder einer Gruppe,
und
6) das Selbst oder Individuum, das innerhalb der Familie lebt.
Alle Elemente sind Teil eines größeren Ganzen. Kein Teil existiert ohne den anderen. Dies gilt insbesondere für das Individuum.
Kein Teil existiert ohne den anderen. Alle Lebewesen sind interdependent in einem lebendigen Kosmos, mit anderen Worten: einem lebenden Organismus. Die einzelnen Elemente, also die Landschaft, der Landstrich, die Völker mit Sippen und Familien und Individuen, bilden Kreise, sagen wir Lebenskreise, die ineinandergreifen.
In einem lebendigen Kosmos kann es keine tote Materie geben. Alles, was uns begegnet in unserem Dasein, ist lebendig wie wir: Jeder Grashalm, jeder Stein, jedes Tier, jede Spezies, wir alle.
Wir sind in das Leben hineingeboren; nicht aus der Welt hervorgegangen. So können wir vielleicht beginnen, den Kosmos, die Gegend, in der wir leben, als einen Teil von uns zu begreifen und uns als einen Teil des Kosmos, wie alles andere auch.
Wir leben in einem Kosmos – einer lebendigen Wesenseinheit –, in der alles und jeder integriert ist und seinen Platz hat.
Wir müssen verstehen, dass unser Kosmos seine eigene, sich selbst konzeptualisierende, bewusste, sehende Entität ist, ja sogar ein bewusstes und fühlendes Wesen an und für sich ist. Sehend, denn es nimmt uns wahr.
Wir, und gemeint sind wir Menschen, sind für diesen Kosmos letztendlich unwichtig – außer wir kennen unseren Platz in der Ordnung dieses Kosmos. Und das wäre der Sinn einer Kosmologie, die alle Wesen im Kleinen wie im Großen, im Mikro- und Makrokosmos, respektiert.
Unsere Existenz ist Makro-Gaia, im Großen und Ganzen, was nichts anderes meint, als dass alles miteinander verbunden ist, vom subatomaren Teilchen bis zu planetaren Strukturen, mit einem Element des Vitalismus, die zusammengenommen als intelligenter Ausdruck eines jeden Seinsaspekts beschrieben werden kann.
Dieser Gedanke appelliert an unsere angeborene Demut: Denn es gibt Dinge, die wir einfach nicht wissen können. Genau aus diesem Grund sollten wir nicht in das lebendige Gewebe unserer Umwelt eingreifen.
Innerhalb unserer Umwelt, die wir eher als sozial denn als physisch wahrnehmen sollten, beginnen wir dann, alle uns umgebenden Naturphänomene als intelligenten Ausdruck wahrzunehmen. Und zwar alle Phänomene.
Wenn wir unsere Umwelt als sozial erleben, ist Erlaubnis erforderlich, nicht nur bestimmte Aktivitäten innerhalb dieser Gemeinschaft auszuüben, sondern sogar die Erlaubnis, überhaupt zu existieren.
Sobald wir unsere Umwelt mit all ihren einzelnen Elementen nicht nur als bewusst, sondern auch als sozial bewusst ansehen, bekommen wir ein besseres Verständnis für die Auswirkungen, die auch für die Übernahme von Verantwortung direkt relevant sind.
Dies bedeutet dann, das Gewahrsein für eine Umgebung zu entfalten und befähigt zu sein, bestimmte Handlungen zu identifizieren und entsprechend zu reagieren.
Aus diesem Aspekt heraus ergibt sich der ursprüngliche Wert der Selbstbeherrschung. Nehmen wir zum Beispiel eine Gruppe, die sich in einer Gegend der Erde aufhält: Sie hat nicht nur keinerlei Recht auf aggressive Ausbeutung, diese Gegend hat sogar die Macht, jede Gruppe zu vertreiben, die ihrer Gesundheit feindlich gegenübersteht.
Wir müssen wissen, dass das Gewahrsein eines bewussten sozialen Umfelds eine andere Entwicklung der Intelligenz erfordert; in dem es ein notwendiges zu erlernendes System praktischer Kommunikation gibt.
Hierin findet sich auch der Unterschied zwischen dem isolierten und realitätsfernen „Träumen“ unserer Gesellschaft und einem umfassenderen „Traumgefühl“, das Naturphänomene mit allen Sinnen erfasst.
Da alles in unserer Umgebung wach und bewusst ist, liegt der Schwerpunkt heute auf der Entwicklung einer Intelligenz außerhalb der engen Grenzen jedes einzelnen Selbst.
Mit den Worten von Karl Schlesier, Anthropologe, gesprochen:
„Offen sein für die Geheimnisse der natürlichen Welt und ihrer Erscheinungsformen, sensibel sein, sich der vielfältigen Möglichkeiten bewusst, die Welt zu sehen, frei und unbehindert im Denken, großzügig und freundlich sein im Hinblick auf andere, alles seine eigene Stimme haben lassen.“