# Zimmer in einem Traum

Mitten in der Nacht und wir sitzen unter der Linde auf dem Petersberg. Unter dem Dach des Baumes, der seine Äste tief zur Erde neigt, sieht uns niemand. Aber um die Uhrzeit ist sowieso niemand unterwegs, nicht hier oben auf der Anhöhe, vielleicht ein paar Leute unten in der Altstadt. Hier oben sind wir unberührt vom Treiben der Anderen, die Straßenbahn bringt 3, 4, 5 Leute nach Hause und irgendjemand dreht noch eine Runde. Die Lichter in den Wohnzimmern sind ausgeschaltet. Alles schläft. Außer wir: Wir sind wach und träumen.

Es treibt ein frischer Wind auf dem Petersberg sein Wesen. Die Winde sind in den letzten Jahrzehnten stärker geworden, sagen die Leute, die in der Stadt geblieben sind. Auch die Windrichtung soll sich geändert haben. Der Wind kommt mittlerweile aus allen Richtungen. Zerstörerische Stürme gab es Ende der Achtziger. Die alten Pflastersteine in den Gassen sind beinahe alle ausgetauscht. Es hat sich vieles geändert. Und einiges blieb. Das Einzige was ist, ist alles was ist. 

Der Baumstamm, an dem ich lehne, ist warm und sein Körper auch. Er ist auf dem Weg in die Schweiz und ich sitze mit ihm nach Jahren unter einem Baum. „Gibst du mir einen Zug von deiner Zigarette?“, frage ich ihn und hebe den Kopf von seiner Schulter. „Hör erst auf dem Hasen schöne Ohren zu machen, ich werd eifersüchtig“, höre ich ihn flüstern, während wir den Hasen beobachten, der seit einer 5-minütigen-Ewigkeit direkt unter einer Laterne uns gegenüber auf dem Weg sitzt und meinem Schnalzlauten lauscht. Ich muss lachen, der Hase bleibt unbewegt. Follow the white rabbit.  

„Kann ich mir noch eine drehen?“, frage ich ihn und er schiebt mir das Päckchen Tabak rüber. Wir sitzen, nachdem wir den weißen Hasen von hinten gesehen haben, in der hell erleuchtenden Küche. Eine Wohnung in einer Straße in einer Stadt in einem Land in Europa auf der Erde. Milchstraße. Ein weißes Blatt Papier liegt auf dem Tisch vor uns und zwei Bleistifte daneben. Das Fenster ist sperrangelweit auf. Der Aschenbecher ist voll. Wir rauchen Kette, American Spirit, als ginge es um unser Leben, als gäbe es kein Morgen. Es gibt aber ein Morgen und es geht um unser Leben. 24 Stunden am Tag. Aber wer weiß das schon? Würde sich etwas ändern, wenn wir wüßten? Ich weiß im Moment nur eins: Ich will nicht sein wo ich bin. Ich spreche es nicht aus, obwohl es kein Geheimnis ist, aber ich will es für mich behalten bis ich dahinter gekommen bin, was es zu bedeuten hat. Während ich ein Kännchen Earl Grey zubereite, zeichnet er den Grundriß eines Rundbaus. Darüber reden wir schon seit Tagen wie es gehen kann das Leben, das Reisen, das Zusammensein. Mir fällt ein, es ist nicht irritierend zu sein, wo man ist, es ist nur irritierend zu denken man wäre gern woanders. Den Satz hab ich zum ersten Mal in einer Wohnzimmerbar in Leipzig gehört. Es muss in einem Film gewesen sein. Dann denke ich an Beko und an die Nächte am Telefon. „Hörst du das auch?“. „Was meinst du?“ „Das Trommeln des Regens auf dem Fensterbrett?“ Mit dem Hörer in der Hand am Ohr am Fenster stehend, lauschten wir in die Nacht schauend, dem Regen, jeder von einem anderen Zimmer aus, in einem anderen Haus einer Straße irgendwo in derselben Stadt. Es ist nicht beunruhigend zu sein, wo man ist, es ist nur beunruhigend zu denken man wäre gern woanders. ‚Eben doch, lieber John Cage‘, denke ich, ‚es ist zutiefst beunruhigend zu sein wo ich bin.‘  Mein Freund nimmt seinen Hut ab, hebt kurz den Blick, schaut mich an als hätte er meine Gedanken gehört. In der Stille. In Silence, we are it. Im Silentium der Verschwiegenheit. Hört er mich. Und ich höre eine Melodie, die weit weg im Hintergrund spielt. Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel wie damals als wir zusammen durch den endlos langen Tunnel gefahren sind. 

Und da ist dieser stille Krieg um uns, der wie ein lautloser Zug auf uns zurollt. Die Leute in den Wohnungen sitzen wie in Waggons, essen, trinken, schauen aus dem Fenster, sortieren ihre Dinge neu, verstauen Brauchbares für später, der Rest sammelt sich auf den Straßen gemeinsam mit leeren Wein- und Whiskyflaschen und sie warten. Ich gehe durch menschenleere Straßen, schaue in die Himmel und denke Berge. Das Quietschen der Straßenbahnschienen reißt mir den Gedanken aus dem Kopf. Mein Telefon summt in der Tasche. Ich schaue nach „Komm in die Werkstatt. Ich hab Linde zum Schnitzen für dich.“

„Was machst du jetzt? Was hast du vor? Hier sind doch nur alte Leute...“, sagt er zu mir. „Außer dir.“, sage ich. Er lacht und ich küsse ihn. Seine Barthaare riechen nach Tabak. „Kennst du das? Du tust etwas, was das Gegenteil ist, von dem was du vorhast und du tust es, weil etwas dich dahinzieht.“ Ich weiß wie das klingt und er schaut mich aufmerksam an. Ich sehe in seinem Blick, dass er versteht. Manchmal hat man noch etwas zu erledigen. Und dann muss man in die Stadt. „Ich weiß wie es ist, nicht ankommen zu wollen.“, sagt er und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Mir ging das auch so vor vielen Jahren.“ Er nimmt meine Hand und mir ist warm.

„Heute Nacht habe ich von dir geträumt. Du stehst im Hausflur eines Wohnhauses, ich sehe die Haustür nicht, nur Fenster im Flur. Es ist dämmrig. Du stehst vor der Tür zum Kellergeschoß und überlegst. Du willst etwas aus dem Keller holen und zögerst. Und ich frage dich, ob das wirklich nötig ist...“ Er schaut mich an, seine Augen sind leicht geweitet. „Wie hast du das gemacht?“. „Was meinst du?“ „Das ist mein Traum. Ich habe heute nacht geträumt, dass ich im Hausflur bei meiner Ex-Frau im Haus stehe und dort im Keller mein Holz holen will. Eibenholz. Und ich bemerke, dass jemand bei mir ist. Ich hab dich nicht gesehen... wie bis du in meinen Traum gekommen?“ 

Wir liegen nachmittags im Bett wie in einem Zimmer von einem Traum und essen Schokolade. „Manchmal weiß ich Dinge, ohne zu wissen woher ich sie weiß.“ „Ist das gut?“, fragt er. „Es hilft“, sage ich. Und dann ist da noch die Sache mit den Entscheidungen, die wir fällen. Jeden Tag. Andere nehmen sie, die Entscheidungen. Franzosen zum Beispiel nehmen sie und Engländer auch. Deutsche fällen Entscheidungen wie Bäume. Etwas fällt um und wird unwiederbringlich abgetrennt. Einmal gefällt, ist es nicht mehr rückgängig zu machen. Sind Entscheidungen dann auch Trennungen? Abschiede? Bei jeder Entscheidung bleibt etwas zurück. Während ich meinen Gedankengängen spazieren gehe, reihe ich die kleinen Steine, die er mir mitgebracht hat, auf dem Fensterbrett auf. Der Rose namens Heidi schneide ich ein Stück Stiel ab und stell sie in die chinesische Vase zu den zwei Kirschzweigen, die ich am Donnerstag vor Ostern aus der Predigerkirche mitgenommen habe, sie blühten nacheinander auf, der eine am Ostersonntag, der andere am Ostermontag. 

Die Nacht liegt ruhig und ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette. Ich stell mir vor, dass es die letzte sei. Daran berausche ich mich. „Sag mal?, warum bist du jetzt hierher gekommen?“ Seine Stimme ist so schön warm und schmeckt so gut. Und vor mir läuft ein Film ab: Kartons packen, telefonieren, Schlüssel in den Briefkasten, der Fluss Ariège, die Pferde, der Abschied von Irissa, der kein Abschied sein soll, weg von den Bergen, sterben, nein noch nicht, das kommt später, zurück in die Stadt, in d i e Stadt. Ich kann meine Stimme nicht finden in diesen Erinnerungen, und ich schaue auf den Teakholztisch aus Berlin. Mit meiner rechten Hand fühle ich die Maserung. Er legt seine Hand auf meine. „Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht willst? Wir haben Zeit.“ Nein, das muss ich nicht. Ich muss ganz andere Dinge. Ich lege die Zigarette auf den Rand des Aschenbecher aus Alabaster und stehe langsam auf und schaue den Zigarettenrauch an wie er in einem geraden weißen Rauchfaden in den Raum hinaufsteigt und sich am Ende kräuselt... Ich gehe ins Zimmer nebenan und nehme das Buch von Jodorowsky, dass ich in Seidenpapier einschlage und mit einem roten Strickgarn verschnüre. Das Buch stammt aus meiner Reisebibliothek, viele sind es nicht mehr, und da ist noch ein anderes Buch für ihn. Später. „Zu deinem Geburtstag. Es wird dir gefallen.“ Ich umarme ihn und fühle. 

„Weisst du was seltsam ist?“, sage ich. Er zögert nicht mit der Anwort: „Allerdings!, Aber sag du...“ „Als ich in der Nähe der Kleinstadt mit 8.000 Einwohnern lebte, sah ich über ein Jahr lang immer wieder Autos mit deutschen Kennzeichen, und das war schon komisch, da waren keine deutschen Touristen, da waren Franzosen und Spanier, und das deutsche Kennzeichen, was ich immer wieder sah, war das Kennzeichen dieser Stadt hier. Und ist doch verrückt, dass die Initialen deines Namens genau umgekehrt die Buchstaben des Nummerschilds sind. Wieso? Das ist mein Rätsel.“ Er schaut mich lächelnd an und sagt: „Und du bist mein Geheimnis.“ „Was passiert hier mit uns?“ Er nimmt mich in seine Arme und sagt: „Du und ich, wir sind hier in diesem Raum, das ist alles, was zählt.“

Er bindet die Seidenschärpe wie eine Krawatte an den Garderobenständer. Wundersame chinesische Blüten heben sich von dem goldenem Stoffgrund ab. Ich denke: Im Garten des Kaisers wachsen die seltsamsten Blumen. Ich stehe still und halte eine Erinnerung in meinen Händen... ich betrachte meine Hände und denke, dass sie viel zu klein sind für all mein Erinnern und mir fällt auf, dass es Dinge gibt, die den Abdruck von etwas Lebendigen tragen. Das schreibe ich auf Japanpapier und stecke es in seine Jackentasche. 

Wenn die Bilder vor mir ablaufen, ist es mit ihm wie Klaviermusik. Wir finden uns im Begehren füreinander, und in der Lust zu leben, an einem anderen Ort. Dabei zirkuliert unser Erinnern und unser Vergessen wie Wellen. Unser Erinnern ergießt sich am Strand unserer Leben und das Vergessen legt ein Tuch über alle Gedanken, das von Zeit zu Zeit ein Lufthauch aufweht und ein Zauber entweicht wie ein Rätsel.

Was tun um eine Rose zu vergessen?

short story

Obskur

Sein Auftraggeber hat unwillentlich ein Detail preisgegeben, das alles verändert. Zumindest für ihn. Zum Guten oder Schlechten, kann er zu diesem Zeitpunkt schwer einschätzen. Planänderung ist die Devise.  Er legt sein Telefon auf die Anrichte und geht zum Fenster. Er schiebt den Vorhang mit der rechten Hand zur Seite. Die Dämmerung hat eingesetzt. Das Telefonat hatte länger gedauert als erwartet. In der Wohnung ist es dunkler als draußen. Die Lampen auf dem kleinen Platz unten leuchten.  Während er das Treiben vor dem Cafehaus gegenüber beobachtet, streicht er sich eine Weile mit Daumen und Zeigfinger über die Barthaare um seinen Mund. Er dreht sich um und geht zurück zur Anrichte und wirft einen Blick in den Spiegel. „Nein, man sieht nichts, überhaupt nichts.“, sagt er dem Mann im Spiegel. Er lässt seinen Blick über die Objekte schweifen, die er im Lauf der Jahre gesammelt hatte. Ihm gefällt was er sieht. Ihm gefällt auch die Wohnung, sogar nach all den Jahren. Besonders, dass alle Zimmer hintereinander aufgereiht sind. Man kann durch alle Zimmer hindurchsehen, wenn die Türen geöffnet sind. Dennoch zieht er Bilanz: „Zeit für Veränderung. 20 Jahre dasselbe Metier. 20 Jahre in der Obskurität ein und derselben Wohnung“. Beim Zimmerdurchqueren, eine Angewohnheit Gedanken zu sortieren, überkommt ihn eine Erinnerung an eine Begegnung in Paris. Seine Aufträge hatten ihn an verschiedene Orte der Erde geführt, auch in einige Metropolen. Damals als er ihr in einem Cafè im 5. Arrondissement begegnete, beherrschte er die Sprache der Diplomatie vollends. Obwohl auch sie Deutsche war, pflegten sie ihre Unterhaltungen in Französisch. Für ihn war es ein Ausdruck ihrer Komplizenschaft. Fast fünf Jahre trafen sie sich immer wieder in Paris. Gemeinsam besuchten sie Museen und Kirchen, nie war er mit ihr in einer Galerie oder bei ihr zu Hause. Er hatte nie nach ihrem Beruf gefragt oder wie alt sie war. Außer ihrer Vornamen und Telefonnummern, wussten sie nichts Persönliches voneinander. Wie hieß sie doch gleich? Er sah zwar ihr Gesicht vor sich, ihre wachen Augen, ihren warmen, unvoreingenommenen Blick, aber ihr Name war in der Vergessenheit. Wofür er tiefe Dankbarkeit empfand, waren die  Gespräche mit ihr. Sie las ihm lange Passagen aus Büchern vor, und er hatte immer den Eindruck als hätte das Vorgelesene mit ihm zu tun. Wie machte sie das? Ihm war in ihrer Anwesenheit oft so als wäre sie ihm einen Schritt voraus, als wüsste etwas, das ihm entgeht. Er mochte sie, sehr sogar, aber sein Lebensstil machte eine Partnerin an seiner Seite unmöglich. In einem anderen Leben, wäre sie ... Jemand wie sie wäre jetzt und hier seine Lösung. „Was würdest du mir raten, meine geliebte Unbekannte?“

 

Während er mit seinem Rollstuhl zu seinem Sessel rollt, fragt er ruhig. „Was haben Sie heute mitgebracht?“ 

Sie wiegt die Gedanken ab und trennt vor ihrem inneren Auge Unwichtiges von Wichtigem. Er schaut sie aufmerksam an und lächelt. Noch von Gedanken absorbiert, sagt sie. „Einen seltsamen Traum.“

„Gut. Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“

„In meinem Traum befinde ich mich in einer Wohnung eines Jahrhundertwendehauses. Die Wände sind hoch. Die Wohnung befindet sich in der ersten Etage. Ich stehe im Flur der Wohung, bemerke aber, dass es ein Zimmer ist zwischen anderen, es erinnert mich an Goethes Wohnhaus in Weimar. Wenn man am Anfang oder am Ende der Räume steht, kann man durch alle Zimmer sehen. Die Türrahmen sind wie Bilderrahmen und es entsteht der Eindruck von einem Bild in einem Bild, wissen Sie was ich meine?“

„Ja, ich kann es mir vorstellen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose...“ Sie lachen.

„genauso... ebend das Gegenteil eines Labyrinths, es gibt kein Zentrum, dafür eine vorgestellte Unendlicheit gerahmter Realitäten. Sie sind auch dort mit mir in der Wohnung. Ich wunder mich noch, dass Sie Ihren Rollstuhl nicht dabei haben. Wir schlendern gemeinsam durch die Zimmer. Wir biegen am Ende nach rechts ab, gehen durch die Wohnungstür und befinden uns auf einem kleinen Platz. Es nieselt. Das Kopfsteinpflaster ist glatt. Und wie ich mich so vorsichtig über das Kopfsteinpflaster bewege, löse ich mich von ihrem Arm und bin wieder allein. Mir kommt der Gedanke, dass Sie im Rollstuhl sitzen aufgrund einer Erbkrankheit, die langsam ihre linke Hüfte zersetzt und ihr linkes Knie in Mitleidenschaft zieht.“

Kurz schaut er sie verstört an. „Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das gesagt?“ Sie versteht erst nicht, und versichert ihm dann: „Mir hat überhaupt niemand irgendwas gesagt. Das ist mein Traum.“ Manchmal weiß man, ohne zu wissen. „Aber warten Sie, der Traum ist da noch nicht zu Ende. Ich gehe nochmal zurück in die Wohnung als hätte ich etwas vergessen, und begegne wie ich vermute dem Mieter der Wohnung, einem elegant gekleideten Mann Mitte Vierzig, seinem Einrichtungsstil nach zu urteilen, ein Kunsthändler. Ich gehe auf ihn zu und bemerke, dass er eine Pistole in der Hand hält. Ich schaue mich um, ob noch jemand in der Wohnung ist,  und entdecke auf einer Anrichte einen Schalldämpfer. Ich gehe weiter auf ihn zu, lege meine Hand auf seine rechte Schulter und sage leise: „Wollen Sie das wirklich? Verschwinden Sie besser aus der Stadt.“ Er hebt langsam seinen Kopf und schaut mir in die Augen, in diesem Moment zieht es mich aus dem Traum. Seinen Blick werde ich nie vergessen.“


Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt. Der Rauch seiner Zigarette auf dem Aschenbecherrand, steigt in einer geraden Linie nach oben. Er hebt endlich den Hörer ab.

„Böhninger am Apparat. Mit wem spreche ich?“

„Guten Tag, Sie sprechen mit Donna Bonita.Spreche ich mit Herrn Böhninger?“

„Ja. Am Apparat. Worum geht es?“

„Ich rufe Sie an, weil... weil Sie mir empfohlen wurden... Man hat mir gesagt, dass ich mich vertrauensvoll an Sie wenden kann... Ich... ich muss mit jemand reden... das heisst ich brauche einen Rat in einer delikaten Angelegenheit.“

„Ich verstehe. Was macht die Angelegenheit delikat?“

„Ja... wie soll ich Ihnen das sagen? Ich komm‘  mir vor wie im Film. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll? Ich habe... ich befürchte...“

„Fangen Sie ganz am Anfang an. Der Grund Ihres Anrufs...“

„Ja. Es geht um einen Klienten. Ich arbeite seit vielen Jahren als Wahrsagerin.“ Pause.

„Ja, gut. Fahren Sie fort. Was ist passiert?“

„Also vor einigen Tagen hat ein Mann eine Seance gebucht. Er erschien pünklich. Attraktiv, Mitte Vierzig, hochwertige Kleidung. Nichts Ungewöhnliches. Es sei sein erster Besuch bei einer .“

„Was wollte er wissen?“ 

„Er drückte sich vage aus. Er bräuchte eine Entscheidungshilfe und wolle wissen was die Zukunft für ihn bringt.“

„Ok. Was ist weiter passiert?“

„Ja. Also ich arbeitete mit zwei meiner Kartendecks für die Seance, das wird Ihnen sicher nichts sagen... es war das Crowley-Deck und das Waite-Deck... naja, das spielt keine Rolle...oft sehe ich auch ohne die Karten...“ Sie hält kurz inne.

„Moment, mir ist als hätte ich jemand an der Tür gehört...ok, nein, das ist die Aufregung, ich bin etwas nervös.“

„Was haben Sie in den Karten gesehen?“

„Als ich die letzte Karte der Legung umdrehte, verdunkelte sich der Raum, eine meiner Lampen flackerte kurz auf und ich habe gesehen, dass der Mann, der mir gegenüber saß, ein Mörder ist.“

Essay für #kkl 46

 welcome to the desert of reality

„We are like the dreamer. We are dreaming and then live inside the dream. But who is the dreamer?”

Aus: Twin peaks, Amerikanische TV-Serie von David Lynch, 1990

Realität Synonyme: Tatsachen, das Hier und Jetzt, Sachverhalt, Leben, Existenz; der Begriff stammt vom lateinischen ‚realitas‘; von ‚res‘ Sache, Ding, Wese, Quelle: google

Wirklichkeit Eymologie: von ‚wirken‘ arbeiten, tätig sein, Einfluss haben, schöpfe, Quelle: google

Im Jahr 2021 belief sich die Zahl der Konsumenten im Alter zwischen 15 und 64 Jahren zumindest einer illegalen Droge weltweit auf rund 296 Millionen. Quelle: statista.com

Basierend auf epidemiologischen Studien sind in Deutschland jedes Jahr 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Dies entspricht mit 17,8 Milionen Menschen der Einwohnerzahl von Nordrhein-Westphalen. Quelle: statista.com


Eine buddhistische Weisheit besagt, dass wer die Wirklichkeit als solches nicht wahrnehmen kann, verrückt geworden ist. Natürlich geht es im Folgenden nicht darum herauszuarbeiten, ob wir alle verückt geworden sind, sondern vielmehr wie wir unsere Wirklichkeit erfassen und unter den real gegebenen Umständen. Wir können uns distanzieren und sagen Buddhismus hat mit uns nichts zu tun, aber können wir das auch behaupten, wenn es um unsere Wirklichkeit geht? Ist die Wirklichkeit nicht unser Leben? Beginnen wir mit einer Frage, die den Kern in unserer Wahrnehmungsstruktur von Wirklichkeit trifft: Was ist der Unterschied zwischen Wahrheit und Realität? Weiterführenden Gedanken dazu finden sich am Ende des Textes. 

Wie finden wir heraus was wirklich ist? Wie ist unsere Wirklichkeit beschaffen? Was benötigen wir dazu? Ein Werkzeug, was uns jederzeit zur Verfügung steht, ist unsere Beobachtungsgabe. Das genaue Beobachten der Phänomene in unserer direkten Umgebung bringt uns zu einer soliden Anlayse und im letzten Schritt zu einer brauchbaren Deutung. Klingt einfach, ist es aber nicht. Der Vorgang wird durch vier Phänomene verkompliziert: 1) Mangelndes Training 2) Das Übergehen der Schritte und somit die Verwechslung der Beobachtung mit der Deutung 3) Unsere Wahrnehmung ist von technokraten Prozessen sowie der wachsenden Digitalisierung unseres Lebens beherrscht 4) Kulturelle Meme und Glaubenssätze. 

Eine Anekdote aus Berlin-Neukölln 2017. In einer angesagten und gutgelegenen Pizzeria mit fünf Tischen im Innenraum geben zwei Frauen an der Theke ihre Bestellung auf. Der Italiener hinter der Ladentheke fragt die Beiden, wo sie herkommen, sicher weil sie hörbar mit Akzent sprechen, sie antworten ‚Amsterdam‘. Daraufhin sagt er: Ah, da wo die Frauen in Schaufenstern sitzen. Da die Lokalität das Überhören von Gesprächen schwer macht, nahm ein Gast den Kommentar auf und erwiderte: In Italien, deine Heimat, wird ein nackter, gequälter Mann Anfang Dreisig  an einem Kreuz hängend, angebetet. Was sagen beide Kommentare über unsere Kultur aus? 

1 2 3 4 Beobachtungen. Zu 1) Die Wenigsten unter uns, sind darauf trainiert zu beobachten, was um uns herum geschieht. Dazu braucht es Ausdauer, Unvoreingenommenheit und Respekt. Es geht darum einzig und allein wahrzunehmen was ist, mit allen Sinnen. Wir sind hingegen den größten Teil unseres Lebens von Impulsen gesteuert und in Reaktionsmustern gefangen. Das ist beängstigend. Ja. Denn es macht uns verletzlich und steuerbar. 2) Beim Übergehen von Beobachtungen des Raumes, in dem wir uns befinden, ja sogar das Ignorieren von Beobachtungen, führt unweigerlich zu kleineren bis mittelschweren Katastrophen wie Unfällen und Chaos wie wir es weltweit erleben. Nehmen wir ein Beispiel: Kein anderes Lebenwesen ignoriert seinen eigenen Lebensraum und wirkt somit an der Zerstörung deselben mit wie der Mensch. Und damit sind wir bei einer Realität, die nicht nur das menschliche Kollektiv betrifft, denn Fakt ist das der Raum, den wir für uns beanspruchen auch der Lebensraum anderer Lebewesen ist. Wir haben vergessen, einer weiterer Fakt, dass wir ohne den Raum, den wir für unser Leben beanspruchen, überhaupt nicht leben können. Wie groß ist der Respekt, dem wir den Räumen und unserem Leben entgegenbringen? Die Menschheit lebt nicht mehr im Gleichklang mit der Natur und den darin gültigen Gesetzmäßigkeiten. 3) Die schwerwiegenden Auswirkungen technokrater Prozesse und wachsender Digitalisierung: Nicht nur sind wir bereits aufgrund Plato’s Objektivierungstheorie,  und auch Descartes Theorien, die sich um den Ausdruck Je pense, donc je suis – Ich denke, also bin sammeln, von unserem eigenem Wesen als Mensch in einer lebendigen Umwelt und somit von unserem Lebensraum entfremdet, zemeniert wurde die Entfremdung des Menschen von sich selbst zur Zeit der Industrialisierung im  Zusammenhang mit standardisierten Arbeistprozessen und heute im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung unseres Berufs- und Alltagsleben. So der Stand der Dinge. So die Realität. So die Brille mit der wir die Wirklichkeit wahrnehmen zu suchen. 4) Anfang des 21. Jahrhunderts nehmen wir unsere Realität, das was ist, über Bildschirme wahr. Die dreidimensionale Wirklichket erfassen wir mittels zweidimensionaler Werkzeuge. Der Großteil der Entscheidungen und Meinungen basiert auf „wir glauben, was wir hören, es muss nur oft genug wiederholt werden“.

In nur einer Generation hat sich unsere Wahrnehmung und unser Sozialverhalten komplett umgeformt. Begegnungen finden im digitalen Raum statt. Wir sind digital vernetzt.. Ist eine virtuelle Realität die Wirklichkeit? Oder dauert sie nur solange wie der Stromanschluss die Verbindung gewährleistet. Das Informationszeitalter bedeutet im Grunde nichts anders als Nicht-Denken. Wir haben Zeit gewonnen, und verlieren unser Leben.

Selbstvergessenheit ist Teil unserer Kultur wie Selbstverleugnung. Wir leben in einer Kultur, die sich selbst verleugnet. Wir kennen unsere Wurzeln nicht. Die Wirklichkeit ist tabu. Wenn wir nicht wissen was ist, können wir nichts analysieren. Solange uns nichts gehört, auch nicht unsere Gedanken, die kohärente Gedankengänge bezeugen, können wir weder das politische System verändern, oder das ökonomische System noch das soziale System. Solange wir unsere Existenz mieten und die Verantwortung für unser Leben anderen geben, ändern wir nichts. Die Beschäftigung mit dem was hinter uns liegt, interessiert nur wenige. Konsum, Ablenkung und Aktivitäten wie Verreisen, Sport, Fernsehen, Süchte – ist das nicht die Flucht vor einer Wirklichkeit, die uns gehören sollte? Selbstwirksamkeit findet erst statt, wenn wir die realen Umstände unserer Gegenwart benennen. Verständnis für historische Zusammenhänge zum Beispiel ergibt sich aber nur in der Rückwärtsschau. Sinn stellt sich retrospektiv ein. Doch wir sind, nichts für ungut, mit unserem Alltagsgeschehen und dem Über-Leben in einer Realität beschäftigt, die uns wie Fremde behandelt. Heute vielleicht mehr denn je. Haben wir wirklich durch die wachsende  Digitalisierung gewonnen? Wir haben den Bezug zu unserer eigenen Menschlichkeit verloren. Ja, das klingt hart, aber es ist was es ist. Wir haben vergessen was die Wirklichkeit ist. Wir leben in einem Zustand der Benommenheit als gebe es kein Morgen. Wir Leute haben irgendwann aufgehört Generationen vorauszudenken. Was geben wir unseren Nachkommen mit? Wir leben in einem Zustand des Hier und Jetzt als wären wir erleuchtet im Bewusstsein von Kindern. Nur, da kommt etwas auf uns zu, und dem können wir nicht als Kinder begegnen. 

Es gibt verschiedene Denkansätze, die Realität zu erfassen, denn es gibt so viele Weisen Realität wahrzunehmen wie es Menschen gibt. Das Einzige worauf wir uns einigen können, ist, dass wir die Wirklichkeit mit ihren Phänomenen alle unterschiedlich wahrnehmen. Das ist das einzige worauf wir uns einigen müssen und auch darauf, dass es niemand für jemand anderes besser wissen kann. Genau aus diesem Grund. Nehmen wir die Sprache. Sprache bildet die Realität ab, ist aber nicht die Realität. Genauso verhält es sich mit der Wirklichkeit zur Realität. Menschen haben sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte geeinigt wie dieses oder jenes Objekt in unserer außersprachlichen Welt diesen oder jenen Namen trägt. Du trägst einen Namen und ich habe einen Namen, aber sind wir die Namen? Nein, wir sind nicht Namen, wir sind lebendige Wesen mit einer spirituellen Verantwortung gegenüber dem Leben und unserem Lebensraum. 

Zur Eingangsfrage: Für die Mehrheit der Leute ist Realität und Wahrheit identisch. Eine Minderheit sagt, dass jeder seine eigene Wahrheit hat und Realität wie die Naturgesetze für jeden gelten. Also cirka 90 Prozent der Leute halten ihre Wahrheit für real und 10 Prozent der Leute unterscheiden das, was sie für wahr halten von dem was wirklich ist. 

short story



Die Frau in Weiß

H hatte mich im Prenzlauer Berg in der Winsstrasse abgeholt. Ich war zum xten Mal umgezogen wie Rilke. Vielleicht gehört ja schreiben und umziehen zusammen? Bei der Duras gehörte Wein und Schreiben zusammen, das führt zu Alkoholismus und in Entzugskliniken –  das war keine Option – all das und anderes tauschten H und ich auf dem Spazierweg nirgendwohin aus. Wir kamen nach Berlin Mitte, am Weinbergspark vorbei, weiter über die Invalidenstrasse über eine Seitenstrasse zum Sophien-Friedhof. Wir hielten vor dem Eingang, schauten uns kurz grinsend an und betraten dann den Friedhof. Am Ende des Friedhofs fanden wir eine Bank. Ich setze mich und drehte mir eine Zigarette. H redetete, ich rauchte. Irgendwann bemerkte ich in meiner Blickrichtung geradeaus vor mir eine Frau an einem Grab. Ich schaute mich um, außer uns drei war niemand zu der Uhrzeit auf dem Friedhof. Sie goß Blumen und holte Wasser von einem Brunnen, der nur wenige Meter von der Bank, auf der H und ich saßen, entfernt war. Ich schaute sie mir näher an: Sie trug ein langes, strahlend weißes Leinenkleid und ihr hüftlanges, weißes Haar wehte in der Sommerbrise. Ungewöhnlich ganz in weiß auf dem Friedhof und in dieser Stadt, dachte ich bei mir. Irgendwann widmete ich mich H und sagte dieses und jenes, von mehr oder weniger Belang. In einem gedankenlosen Moment sah ich die Frau wieder zum Brunnen kommen, – sie hielt inne, schaute uns an und sagte: Ich wünsche euch eine schöne Zeit hier. Sie wartete nicht ab, dass wir irgendwas erwiderten und ging weiter. Ich schaute ihr nach bis sie verschwand.

Dann schaute ich zu H und H mich an. Ich fragte ihn wie er die Szene fand: Eine ältere Dame ganz in Weiß hier auf dem Friedhof. Er schaute mich vollkommen entgeistert an. Welche Frau? Wieso ganz in Weiß?

Erschienen in der Anthologie des Frankfiurter Literaturverlages