short story

Obskur

Sein Auftraggeber hat unwillentlich ein Detail preisgegeben, das alles verändert. Zumindest für ihn. Zum Guten oder Schlechten, kann er zu diesem Zeitpunkt schwer einschätzen. Planänderung ist die Devise.  Er legt sein Telefon auf die Anrichte und geht zum Fenster. Er schiebt den Vorhang mit der rechten Hand zur Seite. Die Dämmerung hat eingesetzt. Das Telefonat hatte länger gedauert als erwartet. In der Wohnung ist es dunkler als draußen. Die Lampen auf dem kleinen Platz unten leuchten.  Während er das Treiben vor dem Cafehaus gegenüber beobachtet, streicht er sich eine Weile mit Daumen und Zeigfinger über die Barthaare um seinen Mund. Er dreht sich um und geht zurück zur Anrichte und wirft einen Blick in den Spiegel. „Nein, man sieht nichts, überhaupt nichts.“, sagt er dem Mann im Spiegel. Er lässt seinen Blick über die Objekte schweifen, die er im Lauf der Jahre gesammelt hatte. Ihm gefällt was er sieht. Ihm gefällt auch die Wohnung, sogar nach all den Jahren. Besonders, dass alle Zimmer hintereinander aufgereiht sind. Man kann durch alle Zimmer hindurchsehen, wenn die Türen geöffnet sind. Dennoch zieht er Bilanz: „Zeit für Veränderung. 20 Jahre dasselbe Metier. 20 Jahre in der Obskurität ein und derselben Wohnung“. Beim Zimmerdurchqueren, eine Angewohnheit Gedanken zu sortieren, überkommt ihn eine Erinnerung an eine Begegnung in Paris. Seine Aufträge hatten ihn an verschiedene Orte der Erde geführt, auch in einige Metropolen. Damals als er ihr in einem Cafè im 5. Arrondissement begegnete, beherrschte er die Sprache der Diplomatie vollends. Obwohl auch sie Deutsche war, pflegten sie ihre Unterhaltungen in Französisch. Für ihn war es ein Ausdruck ihrer Komplizenschaft. Fast fünf Jahre trafen sie sich immer wieder in Paris. Gemeinsam besuchten sie Museen und Kirchen, nie war er mit ihr in einer Galerie oder bei ihr zu Hause. Er hatte nie nach ihrem Beruf gefragt oder wie alt sie war. Außer ihrer Vornamen und Telefonnummern, wussten sie nichts Persönliches voneinander. Wie hieß sie doch gleich? Er sah zwar ihr Gesicht vor sich, ihre wachen Augen, ihren warmen, unvoreingenommenen Blick, aber ihr Name war in der Vergessenheit. Wofür er tiefe Dankbarkeit empfand, waren die  Gespräche mit ihr. Sie las ihm lange Passagen aus Büchern vor, und er hatte immer den Eindruck als hätte das Vorgelesene mit ihm zu tun. Wie machte sie das? Ihm war in ihrer Anwesenheit oft so als wäre sie ihm einen Schritt voraus, als wüsste etwas, das ihm entgeht. Er mochte sie, sehr sogar, aber sein Lebensstil machte eine Partnerin an seiner Seite unmöglich. In einem anderen Leben, wäre sie ... Jemand wie sie wäre jetzt und hier seine Lösung. „Was würdest du mir raten, meine geliebte Unbekannte?“

 

Während er mit seinem Rollstuhl zu seinem Sessel rollt, fragt er ruhig. „Was haben Sie heute mitgebracht?“ 

Sie wiegt die Gedanken ab und trennt vor ihrem inneren Auge Unwichtiges von Wichtigem. Er schaut sie aufmerksam an und lächelt. Noch von Gedanken absorbiert, sagt sie. „Einen seltsamen Traum.“

„Gut. Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“

„In meinem Traum befinde ich mich in einer Wohnung eines Jahrhundertwendehauses. Die Wände sind hoch. Die Wohnung befindet sich in der ersten Etage. Ich stehe im Flur der Wohung, bemerke aber, dass es ein Zimmer ist zwischen anderen, es erinnert mich an Goethes Wohnhaus in Weimar. Wenn man am Anfang oder am Ende der Räume steht, kann man durch alle Zimmer sehen. Die Türrahmen sind wie Bilderrahmen und es entsteht der Eindruck von einem Bild in einem Bild, wissen Sie was ich meine?“

„Ja, ich kann es mir vorstellen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose...“ Sie lachen.

„genauso... ebend das Gegenteil eines Labyrinths, es gibt kein Zentrum, dafür eine vorgestellte Unendlicheit gerahmter Realitäten. Sie sind auch dort mit mir in der Wohnung. Ich wunder mich noch, dass Sie Ihren Rollstuhl nicht dabei haben. Wir schlendern gemeinsam durch die Zimmer. Wir biegen am Ende nach rechts ab, gehen durch die Wohnungstür und befinden uns auf einem kleinen Platz. Es nieselt. Das Kopfsteinpflaster ist glatt. Und wie ich mich so vorsichtig über das Kopfsteinpflaster bewege, löse ich mich von ihrem Arm und bin wieder allein. Mir kommt der Gedanke, dass Sie im Rollstuhl sitzen aufgrund einer Erbkrankheit, die langsam ihre linke Hüfte zersetzt und ihr linkes Knie in Mitleidenschaft zieht.“

Kurz schaut er sie verstört an. „Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das gesagt?“ Sie versteht erst nicht, und versichert ihm dann: „Mir hat überhaupt niemand irgendwas gesagt. Das ist mein Traum.“ Manchmal weiß man, ohne zu wissen. „Aber warten Sie, der Traum ist da noch nicht zu Ende. Ich gehe nochmal zurück in die Wohnung als hätte ich etwas vergessen, und begegne wie ich vermute dem Mieter der Wohnung, einem elegant gekleideten Mann Mitte Vierzig, seinem Einrichtungsstil nach zu urteilen, ein Kunsthändler. Ich gehe auf ihn zu und bemerke, dass er eine Pistole in der Hand hält. Ich schaue mich um, ob noch jemand in der Wohnung ist,  und entdecke auf einer Anrichte einen Schalldämpfer. Ich gehe weiter auf ihn zu, lege meine Hand auf seine rechte Schulter und sage leise: „Wollen Sie das wirklich? Verschwinden Sie besser aus der Stadt.“ Er hebt langsam seinen Kopf und schaut mir in die Augen, in diesem Moment zieht es mich aus dem Traum. Seinen Blick werde ich nie vergessen.“


Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt. Der Rauch seiner Zigarette auf dem Aschenbecherrand, steigt in einer geraden Linie nach oben. Er hebt endlich den Hörer ab.

„Böhninger am Apparat. Mit wem spreche ich?“

„Guten Tag, Sie sprechen mit Donna Bonita.Spreche ich mit Herrn Böhninger?“

„Ja. Am Apparat. Worum geht es?“

„Ich rufe Sie an, weil... weil Sie mir empfohlen wurden... Man hat mir gesagt, dass ich mich vertrauensvoll an Sie wenden kann... Ich... ich muss mit jemand reden... das heisst ich brauche einen Rat in einer delikaten Angelegenheit.“

„Ich verstehe. Was macht die Angelegenheit delikat?“

„Ja... wie soll ich Ihnen das sagen? Ich komm‘  mir vor wie im Film. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll? Ich habe... ich befürchte...“

„Fangen Sie ganz am Anfang an. Der Grund Ihres Anrufs...“

„Ja. Es geht um einen Klienten. Ich arbeite seit vielen Jahren als Wahrsagerin.“ Pause.

„Ja, gut. Fahren Sie fort. Was ist passiert?“

„Also vor einigen Tagen hat ein Mann eine Seance gebucht. Er erschien pünklich. Attraktiv, Mitte Vierzig, hochwertige Kleidung. Nichts Ungewöhnliches. Es sei sein erster Besuch bei einer .“

„Was wollte er wissen?“ 

„Er drückte sich vage aus. Er bräuchte eine Entscheidungshilfe und wolle wissen was die Zukunft für ihn bringt.“

„Ok. Was ist weiter passiert?“

„Ja. Also ich arbeitete mit zwei meiner Kartendecks für die Seance, das wird Ihnen sicher nichts sagen... es war das Crowley-Deck und das Waite-Deck... naja, das spielt keine Rolle...oft sehe ich auch ohne die Karten...“ Sie hält kurz inne.

„Moment, mir ist als hätte ich jemand an der Tür gehört...ok, nein, das ist die Aufregung, ich bin etwas nervös.“

„Was haben Sie in den Karten gesehen?“

„Als ich die letzte Karte der Legung umdrehte, verdunkelte sich der Raum, eine meiner Lampen flackerte kurz auf und ich habe gesehen, dass der Mann, der mir gegenüber saß, ein Mörder ist.“

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