Mitten in der Nacht und wir sitzen unter der Linde auf dem Petersberg. Unter dem Dach des Baumes, der seine Äste tief zur Erde neigt, sieht uns niemand. Aber um die Uhrzeit ist sowieso niemand unterwegs, nicht hier oben auf der Anhöhe, vielleicht ein paar Leute unten in der Altstadt. Hier oben sind wir unberührt vom Treiben der Anderen, die Straßenbahn bringt 3, 4, 5 Leute nach Hause und irgendjemand dreht noch eine Runde. Die Lichter in den Wohnzimmern sind ausgeschaltet. Alles schläft. Außer wir: Wir sind wach und träumen.
Es treibt ein frischer Wind auf dem Petersberg sein Wesen. Die Winde sind in den letzten Jahrzehnten stärker geworden, sagen die Leute, die in der Stadt geblieben sind. Auch die Windrichtung soll sich geändert haben. Der Wind kommt mittlerweile aus allen Richtungen. Zerstörerische Stürme gab es Ende der Achtziger. Die alten Pflastersteine in den Gassen sind beinahe alle ausgetauscht. Es hat sich vieles geändert. Und einiges blieb. Das Einzige was ist, ist alles was ist.
Der Baumstamm, an dem ich lehne, ist warm und sein Körper auch. Er ist auf dem Weg in die Schweiz und ich sitze mit ihm nach Jahren unter einem Baum. „Gibst du mir einen Zug von deiner Zigarette?“, frage ich ihn und hebe den Kopf von seiner Schulter. „Hör erst auf dem Hasen schöne Ohren zu machen, ich werd eifersüchtig“, höre ich ihn flüstern, während wir den Hasen beobachten, der seit einer 5-minütigen-Ewigkeit direkt unter einer Laterne uns gegenüber auf dem Weg sitzt und meinem Schnalzlauten lauscht. Ich muss lachen, der Hase bleibt unbewegt. Follow the white rabbit.
„Kann ich mir noch eine drehen?“, frage ich ihn und er schiebt mir das Päckchen Tabak rüber. Wir sitzen, nachdem wir den weißen Hasen von hinten gesehen haben, in der hell erleuchtenden Küche. Eine Wohnung in einer Straße in einer Stadt in einem Land in Europa auf der Erde. Milchstraße. Ein weißes Blatt Papier liegt auf dem Tisch vor uns und zwei Bleistifte daneben. Das Fenster ist sperrangelweit auf. Der Aschenbecher ist voll. Wir rauchen Kette, American Spirit, als ginge es um unser Leben, als gäbe es kein Morgen. Es gibt aber ein Morgen und es geht um unser Leben. 24 Stunden am Tag. Aber wer weiß das schon? Würde sich etwas ändern, wenn wir wüßten? Ich weiß im Moment nur eins: Ich will nicht sein wo ich bin. Ich spreche es nicht aus, obwohl es kein Geheimnis ist, aber ich will es für mich behalten bis ich dahinter gekommen bin, was es zu bedeuten hat. Während ich ein Kännchen Earl Grey zubereite, zeichnet er den Grundriß eines Rundbaus. Darüber reden wir schon seit Tagen wie es gehen kann das Leben, das Reisen, das Zusammensein. Mir fällt ein, es ist nicht irritierend zu sein, wo man ist, es ist nur irritierend zu denken man wäre gern woanders. Den Satz hab ich zum ersten Mal in einer Wohnzimmerbar in Leipzig gehört. Es muss in einem Film gewesen sein. Dann denke ich an Beko und an die Nächte am Telefon. „Hörst du das auch?“. „Was meinst du?“ „Das Trommeln des Regens auf dem Fensterbrett?“ Mit dem Hörer in der Hand am Ohr am Fenster stehend, lauschten wir in die Nacht schauend, dem Regen, jeder von einem anderen Zimmer aus, in einem anderen Haus einer Straße irgendwo in derselben Stadt. Es ist nicht beunruhigend zu sein, wo man ist, es ist nur beunruhigend zu denken man wäre gern woanders. ‚Eben doch, lieber John Cage‘, denke ich, ‚es ist zutiefst beunruhigend zu sein wo ich bin.‘ Mein Freund nimmt seinen Hut ab, hebt kurz den Blick, schaut mich an als hätte er meine Gedanken gehört. In der Stille. In Silence, we are it. Im Silentium der Verschwiegenheit. Hört er mich. Und ich höre eine Melodie, die weit weg im Hintergrund spielt. Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel wie damals als wir zusammen durch den endlos langen Tunnel gefahren sind.
Und da ist dieser stille Krieg um uns, der wie ein lautloser Zug auf uns zurollt. Die Leute in den Wohnungen sitzen wie in Waggons, essen, trinken, schauen aus dem Fenster, sortieren ihre Dinge neu, verstauen Brauchbares für später, der Rest sammelt sich auf den Straßen gemeinsam mit leeren Wein- und Whiskyflaschen und sie warten. Ich gehe durch menschenleere Straßen, schaue in die Himmel und denke Berge. Das Quietschen der Straßenbahnschienen reißt mir den Gedanken aus dem Kopf. Mein Telefon summt in der Tasche. Ich schaue nach „Komm in die Werkstatt. Ich hab Linde zum Schnitzen für dich.“
„Was machst du jetzt? Was hast du vor? Hier sind doch nur alte Leute...“, sagt er zu mir. „Außer dir.“, sage ich. Er lacht und ich küsse ihn. Seine Barthaare riechen nach Tabak. „Kennst du das? Du tust etwas, was das Gegenteil ist, von dem was du vorhast und du tust es, weil etwas dich dahinzieht.“ Ich weiß wie das klingt und er schaut mich aufmerksam an. Ich sehe in seinem Blick, dass er versteht. Manchmal hat man noch etwas zu erledigen. Und dann muss man in die Stadt. „Ich weiß wie es ist, nicht ankommen zu wollen.“, sagt er und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Mir ging das auch so vor vielen Jahren.“ Er nimmt meine Hand und mir ist warm.
„Heute Nacht habe ich von dir geträumt. Du stehst im Hausflur eines Wohnhauses, ich sehe die Haustür nicht, nur Fenster im Flur. Es ist dämmrig. Du stehst vor der Tür zum Kellergeschoß und überlegst. Du willst etwas aus dem Keller holen und zögerst. Und ich frage dich, ob das wirklich nötig ist...“ Er schaut mich an, seine Augen sind leicht geweitet. „Wie hast du das gemacht?“. „Was meinst du?“ „Das ist mein Traum. Ich habe heute nacht geträumt, dass ich im Hausflur bei meiner Ex-Frau im Haus stehe und dort im Keller mein Holz holen will. Eibenholz. Und ich bemerke, dass jemand bei mir ist. Ich hab dich nicht gesehen... wie bis du in meinen Traum gekommen?“
Wir liegen nachmittags im Bett wie in einem Zimmer von einem Traum und essen Schokolade. „Manchmal weiß ich Dinge, ohne zu wissen woher ich sie weiß.“ „Ist das gut?“, fragt er. „Es hilft“, sage ich. Und dann ist da noch die Sache mit den Entscheidungen, die wir fällen. Jeden Tag. Andere nehmen sie, die Entscheidungen. Franzosen zum Beispiel nehmen sie und Engländer auch. Deutsche fällen Entscheidungen wie Bäume. Etwas fällt um und wird unwiederbringlich abgetrennt. Einmal gefällt, ist es nicht mehr rückgängig zu machen. Sind Entscheidungen dann auch Trennungen? Abschiede? Bei jeder Entscheidung bleibt etwas zurück. Während ich meinen Gedankengängen spazieren gehe, reihe ich die kleinen Steine, die er mir mitgebracht hat, auf dem Fensterbrett auf. Der Rose namens Heidi schneide ich ein Stück Stiel ab und stell sie in die chinesische Vase zu den zwei Kirschzweigen, die ich am Donnerstag vor Ostern aus der Predigerkirche mitgenommen habe, sie blühten nacheinander auf, der eine am Ostersonntag, der andere am Ostermontag.
Die Nacht liegt ruhig und ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette. Ich stell mir vor, dass es die letzte sei. Daran berausche ich mich. „Sag mal?, warum bist du jetzt hierher gekommen?“ Seine Stimme ist so schön warm und schmeckt so gut. Und vor mir läuft ein Film ab: Kartons packen, telefonieren, Schlüssel in den Briefkasten, der Fluss Ariège, die Pferde, der Abschied von Irissa, der kein Abschied sein soll, weg von den Bergen, sterben, nein noch nicht, das kommt später, zurück in die Stadt, in d i e Stadt. Ich kann meine Stimme nicht finden in diesen Erinnerungen, und ich schaue auf den Teakholztisch aus Berlin. Mit meiner rechten Hand fühle ich die Maserung. Er legt seine Hand auf meine. „Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht willst? Wir haben Zeit.“ Nein, das muss ich nicht. Ich muss ganz andere Dinge. Ich lege die Zigarette auf den Rand des Aschenbecher aus Alabaster und stehe langsam auf und schaue den Zigarettenrauch an wie er in einem geraden weißen Rauchfaden in den Raum hinaufsteigt und sich am Ende kräuselt... Ich gehe ins Zimmer nebenan und nehme das Buch von Jodorowsky, dass ich in Seidenpapier einschlage und mit einem roten Strickgarn verschnüre. Das Buch stammt aus meiner Reisebibliothek, viele sind es nicht mehr, und da ist noch ein anderes Buch für ihn. Später. „Zu deinem Geburtstag. Es wird dir gefallen.“ Ich umarme ihn und fühle.
„Weisst du was seltsam ist?“, sage ich. Er zögert nicht mit der Anwort: „Allerdings!, Aber sag du...“ „Als ich in der Nähe der Kleinstadt mit 8.000 Einwohnern lebte, sah ich über ein Jahr lang immer wieder Autos mit deutschen Kennzeichen, und das war schon komisch, da waren keine deutschen Touristen, da waren Franzosen und Spanier, und das deutsche Kennzeichen, was ich immer wieder sah, war das Kennzeichen dieser Stadt hier. Und ist doch verrückt, dass die Initialen deines Namens genau umgekehrt die Buchstaben des Nummerschilds sind. Wieso? Das ist mein Rätsel.“ Er schaut mich lächelnd an und sagt: „Und du bist mein Geheimnis.“ „Was passiert hier mit uns?“ Er nimmt mich in seine Arme und sagt: „Du und ich, wir sind hier in diesem Raum, das ist alles, was zählt.“
Er bindet die Seidenschärpe wie eine Krawatte an den Garderobenständer. Wundersame chinesische Blüten heben sich von dem goldenem Stoffgrund ab. Ich denke: Im Garten des Kaisers wachsen die seltsamsten Blumen. Ich stehe still und halte eine Erinnerung in meinen Händen... ich betrachte meine Hände und denke, dass sie viel zu klein sind für all mein Erinnern und mir fällt auf, dass es Dinge gibt, die den Abdruck von etwas Lebendigen tragen. Das schreibe ich auf Japanpapier und stecke es in seine Jackentasche.
Wenn die Bilder vor mir ablaufen, ist es mit ihm wie Klaviermusik. Wir finden uns im Begehren füreinander, und in der Lust zu leben, an einem anderen Ort. Dabei zirkuliert unser Erinnern und unser Vergessen wie Wellen. Unser Erinnern ergießt sich am Strand unserer Leben und das Vergessen legt ein Tuch über alle Gedanken, das von Zeit zu Zeit ein Lufthauch aufweht und ein Zauber entweicht wie ein Rätsel.
Was tun um eine Rose zu vergessen?
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