alles hat seine
zeit im lauf des lebensrads
regen füllt flüsse
Haiku 50
Die Schätze sind gehoben, die Stätten entweiht, beinahe jeder Ort beleuchtet. Was bleibt, ist etwas Poesie. Für Jemand. Ein paar Worte sind die Heimat für ein Denken und weites Erinnern und das Mysterium, das unser Leben ist im Wunder der Natur. Schreibend sind wir Gegner des Vergessens und auf einer einzigartigen Reise. Wir sind Poesie
Die Frau in Weiß
H hatte mich im Prenzlauer Berg in der Winsstrasse abgeholt. Ich war zum xten Mal umgezogen wie Rilke. Vielleicht gehört ja schreiben und umziehen zusammen? Bei der Duras gehörte Wein und Schreiben zusammen, das führt zu Alkoholismus und in Entzugskliniken – das war keine Option – all das und anderes tauschten H und ich auf dem Spazierweg nirgendwohin aus. Wir kamen nach Berlin Mitte, am Weinbergspark vorbei, weiter über die Invalidenstrasse über eine Seitenstrasse zum Sophien-Friedhof. Wir hielten vor dem Eingang, schauten uns kurz grinsend an und betraten dann den Friedhof. Am Ende des Friedhofs fanden wir eine Bank. Ich setze mich und drehte mir eine Zigarette. H redetete, ich rauchte. Irgendwann bemerkte ich in meiner Blickrichtung geradeaus vor mir eine Frau an einem Grab. Ich schaute mich um, außer uns drei war niemand zu der Uhrzeit auf dem Friedhof. Sie goß Blumen und holte Wasser von einem Brunnen, der nur wenige Meter von der Bank, auf der H und ich saßen, entfernt war. Ich schaute sie mir näher an: Sie trug ein langes, strahlend weißes Leinenkleid und ihr hüftlanges, weißes Haar wehte in der Sommerbrise. Ungewöhnlich ganz in weiß auf dem Friedhof und in dieser Stadt, dachte ich bei mir. Irgendwann widmete ich mich H und sagte dieses und jenes, von mehr oder weniger Belang. In einem gedankenlosen Moment sah ich die Frau wieder zum Brunnen kommen, – sie hielt inne, schaute uns an und sagte: Ich wünsche euch eine schöne Zeit hier. Sie wartete nicht ab, dass wir irgendwas erwiderten und ging weiter. Ich schaute ihr nach bis sie verschwand.
Dann schaute ich zu H und H mich an. Ich fragte ihn wie er die Szene fand: Eine ältere Dame ganz in Weiß hier auf dem Friedhof. Er schaute mich vollkommen entgeistert an. Welche Frau? Wieso ganz in Weiß?
Erschienen in der Anthologie des Frankfiurter Literaturverlages
„Kosmos & Sein“
Veröffentlicht hier:
https://kunstkulturliteratur.com/2024/09/17/kosmos-und-sein/
Mit Dank an die Redaktion !
Beim Schuster
Seit zwei Jahren brachte ich meine Schuhe zum Schuster in der Invalidenstrasse, in Berlin Mitte. Diesmal bemerkte ich beim Öffnen der Ladentür etwas Sonderbares – es war nicht das mir bekannte komme-von-draußen-in-ein-Innen-Gefühl - , es war als hätte alles angehalten, also mich im durchsichtigen Plasma. Ich musste einmal durch den ganzen Laden gehen, an hohen Metallregalen mit Krempel drin vorbei, bis ich bei der Ladentheke war. Der Weg dahin kam mir unendlich vor, ich bewegte mich wie in Zeitlupe auf einem Fließband. Hinter dem Ladentresen war nicht wie sonst der beleibte Berliner Schuster um die 60 mit Glatze, nein, da saß eine Frau Anfang 50, mit langen schwarzen Haaren, goldglänzenden Ohrringen und dunklen, leuchtenden Augen. Während ich mein Paar Schuhe aus der Tasche holte, dachte ich ‚das ist nicht die Schwester, nicht die Frau oder wer auch immer vom Schuster`. Ich stellte das Paar Schuhe vor uns, und sagte, dass sie repariert werden müssten, woraufhin die Dunkelhaarige mit Augenrollen bedeutete: das wir ja beim Schuster waren. Berlinern tut sie auch nicht, fiel mir auf. Sie gab mir den Abholschein für das Paar Schuhe, ich verabschiedete mich und drehte mich um und war auf dem Weg zum Ausgang. Plötzlich sagte sie: Ich habe etwas für dich! Ich drehte mich um. Sie schaute mich bedeutsam an und holte mit ihrer rechten Hand etwas unterm Ladentisch hervor: „Die sind für dich“, und gab mir einen Satz Tarotkarten. Ich nahm sie als hätte ich keine andere Wahl, bedankte mich und behielt sie in meiner Hand. Ich wunderte mich, dass es kein ganzes Kartendeck war während ich den Laden verließ.
Eine Woche später beim Schuster. Ich machte die Ladentür auf. Alles beim Alten. Ich sah den Schuster in seiner graublauen Arbeitsjacke beim Werkeln. Keine Kartenlegerin.
Erschienen 2024 in der Anthologie "Von Glaube bis unglaublich" des Frankfurter Literaturverlages