Kurzgeschichte für Anthologie Frankfurter Literaturverlag

Beim Schuster

Seit zwei Jahren brachte ich meine Schuhe zum Schuster in der Invalidenstrasse, in Berlin Mitte. Diesmal bemerkte ich beim Öffnen der Ladentür etwas Sonderbares – es war nicht das mir bekannte komme-von-draußen-in-ein-Innen-Gefühl - , es war als hätte alles angehalten, also mich im durchsichtigen Plasma. Ich musste einmal durch den ganzen Laden gehen, an hohen Metallregalen mit Krempel drin vorbei, bis ich bei der Ladentheke war. Der Weg dahin kam mir unendlich vor,  ich bewegte mich wie in Zeitlupe auf einem Fließband. Hinter dem Ladentresen war nicht wie sonst der beleibte Berliner Schuster um die 60 mit Glatze, nein, da saß eine Frau Anfang 50, mit langen schwarzen Haaren, goldglänzenden Ohrringen und dunklen, leuchtenden Augen. Während ich mein Paar Schuhe aus der Tasche holte, dachte ich ‚das ist nicht die Schwester, nicht die Frau oder wer auch immer vom Schuster`. Ich stellte das Paar Schuhe vor uns, und sagte, dass sie repariert werden müssten, woraufhin die Dunkelhaarige mit Augenrollen bedeutete: das wir ja beim Schuster waren. Berlinern tut sie auch nicht, fiel mir auf. Sie gab mir den Abholschein für das Paar Schuhe, ich verabschiedete mich und drehte mich um und war auf dem Weg zum Ausgang. Plötzlich sagte sie: Ich habe etwas für dich! Ich drehte mich um. Sie schaute mich bedeutsam an und holte mit ihrer rechten Hand etwas unterm Ladentisch hervor: „Die sind für dich“, und gab mir einen Satz Tarotkarten. Ich nahm sie als hätte ich keine andere Wahl, bedankte mich und behielt sie in meiner Hand. Ich wunderte mich, dass es kein ganzes Kartendeck war während ich den Laden verließ. 

Eine Woche später beim Schuster. Ich machte die Ladentür auf. Alles beim Alten. Ich sah den Schuster in seiner graublauen Arbeitsjacke beim Werkeln. Keine Kartenlegerin.


Erschienen 2024 in der Anthologie "Von Glaube bis unglaublich" des Frankfurter Literaturverlages

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