Heimvorteil
Ich gehe in die Weinbar und setze mich an den runden Tisch gegenüber vom Tresen. Die Frau im ausgewaschenen grünen Baumwollkleid ist schon länger betrunken. Der Leberschaden ist ihr ins Gesicht geschrieben. Die junge Frau neben ihr, die anscheinend genauso viel getrunken hat, ist wie sie mir später zulallt ihre Tochter, in ihren Worten das Ding da.
Die Bar, Weinarche genannt, ist gegenüber vom Standesamt. Heiraten ich nicht, dafür Sekt. Es ist Anfang Februar, und schon Frühling. Time speeds up. Die Weinarche ist gut, denn die betrunkenen männlichen Gäste sind über 60 und mit den meisten Lebensthemen durch. Mit anderen Worten keine Anmach-Tendenzen oder Bagger-Versuche. Es ist wie nochmal 16 sein, wenn das Gros der Gäste bereits in Rente ist. Alle schön brav besoffen ohne was zu wollen. Das ist gut, das gefällt mir, weil ich nämlich außer Weintrinken auch nichts will. Ansonsten: Schönen Gruß an die Leber und die Prostata.
Ich habe Heimvorteil, denke ich bei mir: Warum? Weil ich nur Wein trinken will. Und dann Heim. Und ich will nicht nur Heim ich geh auch Heim. Ich will weder jemand gefallen, noch will ich eine Beziehung mit jemand hier, weder Mann noch Frau. Ich suche keinen Mann, ich suche keine Freundin. Meine Freunde sind unsichtbar und keine Alkoholiker. Ich erinnere meine Freundin Marlene und meinen namenlosen Freund aus dem Kindergarten. Da waren wir sechs Jahre alt. Ja, das ist lange her, aber das war gut, und nicht alles was gut war, lässt sich leicht wiederholen, also wirklich wieder-holen. Ich versuch das auch gar nicht erst. Wieder-holen endet in meinem Leben, hat die Erfahrung gelehrt in kleineren Desastern, ich fang dann an so unbeholfen herum zu stolpern und das gefällt mir überhaupt nicht.
Na, jedenfalls Null Interesse jemand kennenzulernen, wenn das jemand anders sieht, tut mir das leid und ich zitiere einmal Mutter: so leid wie es mir tut so egal ist es mir auch. Null Interesse überhaupt jemand hier kennenzulernen. Und mit hier meine ich eine mittelalterliche Stadt mitten in D. Ich bin nicht nur satt, ich hab auch was vor. Und für dieses Vorhaben benötige ich meine gesamte Aufmerksamkeit. Was das ist geht auch nur mich und wenn man so will Gott was an. Mir können die Klamotten nicht weit genug sein, und Gesicht anmalen ist passé – außer sparsame Kriegsbemalung.
Mittlerweile kann ich jegliche Art von Brutalität nicht mehr ertragen: ob in Gedanken, im Tonfall, in der Wortwahl, in den Gesten, den Handlungen, in den Bildern, in der Musik. Ich bin abgrundtief angewidert von den Erscheinungen in dieser Welt und auch in dieser Stadt.
Zurück zur Weinarche: Mir ist ja klar wie das aussieht, wenn eine Frau allein einen Wein trinken geht. Aber ich will eben einfach Wein trinken und Sozialstudien außerhalb meines Schreibtisches betreiben. Ich sitze also da an diesem Tisch und der Barmann macht seine markigen Sprüche und seine passiv-aggressive Haltung versteckt er so oder so nicht. Ahoi! Es gibt Männer, die meinen Frauen haben es so nötig, dass sie sich voll nölen lassen und dann den Kerl mit nach Hause nehmen. Gut, ich war bei Sozialstudien, und dabei fällt mir gleich ein, es gibt ja Frauen, die sagen das sie verheiratet sind und sich damit nicht mehr beschäftigen müssen. Das ist schön, Püppis, dann schlaft mal schön weiter. Hoffentlich ist euer Ehemann nicht einer von denen in den Bars oder Kneippen, die sich auf das weibliche Geschlecht stürzen. Und nein, ich bin keine Anhängerin von Frauenbewegungen. Jede Bewegung oder sogenannte Revolution, die aus einem System hervorgeht, dass auf einer Hierarchie aufbaut, dessen Prinzipien auf höher, schneller, weiter basieren, kann keine Formen der Befreiung oder Veränderung hervorbringen.
Zurück zum Barmann: Der Barmann, Mitte Vierzig, sah eher aus wie Anfang 50, ging in der Annahme, weil er mehr als 10 Sätze aufsagt, also mir aufsagt, dass ich dank der Aufmerksamkeit nun willig sei. Wenn der wüsste! Er weiß aber nicht. Außerdem: Ich stehe weder auf blond, noch auf Mitte Vierzig – zu alt -, und überhaupt ist mir jedes triebhafte Verhalten fern bis fremd. Ich bin überhaupt nicht willig, ich bin voll und ganz unwillig und überhaupt.