Die Frau in Weiß
H hatte mich im Prenzlauer Berg in der Winsstrasse abgeholt. Ich war zum xten Mal umgezogen wie Rilke. Vielleicht gehört ja schreiben und umziehen zusammen? Bei der Duras gehörte Wein und Schreiben zusammen, das führt zu Alkoholismus und in Entzugskliniken – das war keine Option – all das und anderes tauschten H und ich auf dem Spazierweg nirgendwohin aus. Wir kamen nach Berlin Mitte, am Weinbergspark vorbei, weiter über die Invalidenstrasse über eine Seitenstrasse zum Sophien-Friedhof. Wir hielten vor dem Eingang, schauten uns kurz grinsend an und betraten dann den Friedhof. Am Ende des Friedhofs fanden wir eine Bank. Ich setze mich und drehte mir eine Zigarette. H redetete, ich rauchte. Irgendwann bemerkte ich in meiner Blickrichtung geradeaus vor mir eine Frau an einem Grab. Ich schaute mich um, außer uns drei war niemand zu der Uhrzeit auf dem Friedhof. Sie goß Blumen und holte Wasser von einem Brunnen, der nur wenige Meter von der Bank, auf der H und ich saßen, entfernt war. Ich schaute sie mir näher an: Sie trug ein langes, strahlend weißes Leinenkleid und ihr hüftlanges, weißes Haar wehte in der Sommerbrise. Ungewöhnlich ganz in weiß auf dem Friedhof und in dieser Stadt, dachte ich bei mir. Irgendwann widmete ich mich H und sagte dieses und jenes, von mehr oder weniger Belang. In einem gedankenlosen Moment sah ich die Frau wieder zum Brunnen kommen, – sie hielt inne, schaute uns an und sagte: Ich wünsche euch eine schöne Zeit hier. Sie wartete nicht ab, dass wir irgendwas erwiderten und ging weiter. Ich schaute ihr nach bis sie verschwand.
Dann schaute ich zu H und H mich an. Ich fragte ihn wie er die Szene fand: Eine ältere Dame ganz in Weiß hier auf dem Friedhof. Er schaute mich vollkommen entgeistert an. Welche Frau? Wieso ganz in Weiß?
Erschienen in der Anthologie des Frankfiurter Literaturverlages

